EUGEN ROSENSTOCK-HUESSY

DIE SPRACHE DES MENSCHENGESCHLECHTS

EINE LEIBHAFTIGE GRAMMATIK IN VIER TEILEN

Zweiter Band Dritter und vierter Teil

1964

VERLAG LAMBERT SCHNEIDER • HEIDELBERG

© Layout Gregor Wolf 2003

VIERTER TEIL B

SEIT DEM SECHSTAGEWERK

IM PRAGSTOCK EINES MENSCHENSCHLAGS


2. Die vier Sprachkrankheiten

Die unterschiedlichen Neins in bezug auf die Sprache weisen auf die unterschiedlichen Funktionen der Sprache hin, durch die für gewöhnlich Sprache eine Gruppe zusammenhält. Eine Analyse der verschiedenen Mängel des Sprechens ist nicht so subjektiv oder eigenmächtig, wie der Leser vermuten könnte. Sein Verdacht war solange gerechtfertigt, solange linguistische Prozesse wie der Ursprung der Sprache im Käfig der Linguistik stecken blieben. Aber wir untersuchen den Sprachmangel als ein politisches Phänomen von heute. Und sobald man das tut, entdeckt man zu seinem eigenen Erstaunen, daß die Menschen schon seit langem den «sprachmangelnden«Arten des Lebens Namen gegeben haben. Da ist an erster Stelle der Krieg. Menschen, die im Kriege miteinander stehen, nennen nicht die gleiche Sache gut und böse. Des einen Sieg ist des anderen Niederlage. Die Pläne jeder Partei müssen in Geheimnis gehüllt werden. In früheren Zeiten wurden sogar die Namen der Stämme und der Götter geheim gehalten, damit der Feind seine Macht nicht durch schamloses Entziffern und Evozieren dieser geheiligten Namen vermehren konnte. Der wahre und geheime Name der Stadt Rom wurde als Geheimnis im Tempel der Vesta behütet. Er scheint »Flora« gelautet zu haben.

Der Krieg verschließt also die Sprache in die auf einer Seite kämpfende Macht. Der Krieg zieht eine geographische Grenze zwischen zwei Sprecharten. Unter geschichtlichem Gesichtspunkt kann also ein Krieg eine sprachliche Einheit spalten. Ein Bürgerkrieg ruft oft den Grund für einen Dualismus des Sprechens hervor. Die südafrikanischen Engländer sprechen ein reineres Englisch als die Kanadier an der amerikanischen Grenze. Die Menschen in Chikago sprechen reineres Amerikanisch und weniger reines Englisch als die Kanadier. Ostdeutsch und Westdeutsch haben sich seit 1945 erstaunlich weit getrennt.

Aber lassen wir in diesem Augenblick den Bürgerkrieg aus dem Spiel und konzentrieren wir uns auf den Krieg selbst. Ein Krieg endet, wenn die Menschen wieder miteinander zu sprechen beginnen. Wo das nicht geschieht, ist der Krieg noch latent. Ein Friedensvertrag ist der Beginn des Sprechens zwischen territorialen Nachbarn. Menschen, die nicht in anliegenden Gebieten wohnen, mögen weder in Krieg noch in Frieden miteinander sein. Im Altertum war das wahrscheinlich die Regel in den Beziehungen der weit verstreuten Stämme und Landschaften.

Heute ist dieser Zustand der Gleichgültigkeit Ausnahme. Indessen ist auf diesem Hintergrund der Krieg besser zu verstehen. Der Krieg ist nicht Frieden, aber Friede ist mehr als der Zustand der Koexistenz in zwei Gebieten ohne irgendwelche Berührung oder Beziehung. Wir können vom Kriege her lernen, daß menschliche Gruppen nicht bloß entweder im Krieg oder im Friedenszustand miteinander sein können, sondern in einem Zustand vor allen Beziehungen, indem sie einander noch nichts zu sagen haben. In diesem Stadium existieren sie einfach nicht füreinander. Daher brauchen keine gemeinsamen Werte zum Ausdruck zu gelangen. Der Krieg aber scheidet. Hier ist die Tatsache, daß die Menschen nicht miteinander sprechen, auf die Spitze getrieben und hat zu einem Ausbruch von Gewalt geführt. Die Absicht ist, auf irgend eine Art zu Beziehungen zu kommen. Der Friede hat den Zweck, einen gesetzmäßigen Zustand zwischen den kriegführenden Parteien herzustellen. Entweder wird die eine Seite so vollständig niedergeschlagen, daß ihre Sprache verschwindet, oder ein Vertrag oder Friedenspakt richtet ein neues Gesetz auf; dann ist eine neue sprachliche Einheit geboren, welche beide Heere umschließt. Selten wird der sprachschaffende Charakter des Friedenspaktes gewürdigt.

Für die Alten war aber der Krieg nicht einfach die Abwesenheit oder der Zusammenbruch des Friedens, wie er das uns scheint. Denn es existierte eine Fülle von Möglichkeiten, daß die Menschen sich voneinander trennen und sich über die ganze Erdkugel zerstreuen konnten. Der Krieg war bereits ein Schritt zueinander hin, und der Konflikt war also, obwohl eine Komplizierung, ein Zusammentreffen zum Frieden hin. Das Leben zieht Leiden der Gleichgültigkeit vor. Der Krieg folgte auf das Nichtvorhandensein von Beziehungen als ein Konflikt, der Beziehungen herstellte. Wie jede Geburt mußten die Friedensschlüsse durch die Nöte einer Geburt hindurch, die Krieg genannt wurde. Für unsere Analyse ist es gut, diesen Hintergrund der Gleichgültigkeit, selbst gegenüber dem Kriege, im Auge zu behalten. Die Beziehungen zwischen den Rothäuten und den Weißen waren augenscheinlich von diesem altertümlichen Charakter. Ein deutlicher Zustand des Nichtmiteinandersprechens war hier dem Stadium der Kriegführung vorausgegangen. Heutzutage müssen die Indianerkriege als die unvermeidlichen Geburtsnöte angesehen werden, die Weiße und Rote zusammengeschlossen haben.

Der Krieg ist das Stadium, in dem die Tatsache, daß im gleichen Raum wohnende Nachbarn nicht miteinander sprechen können, unerträglich wird. Eine Revolution ist im gleichen Sinne ein Sprachbruch. Aber sie ist nicht ein Bruch zwischen räumlichen Nachbarn. Sondern eine Revolution hört nicht mehr auf die alte Sprache des Gesetzes und der bisherigen Ordnung. Sie schafft eine junge Sprache. Das ist ganz wörtlich wahr. Trotzki konnte schreiben, daß die russische Revolution eine Anzahl von neuen, weltbekannten Wörtern geschaffen habe, wie Sowjet, Kolchose, Konsomolze, aber andere wie »Knute« habe sie vernichtet. Ein reizvolles amerikanisches Buch ist über die neue Sprache der Französischen Revolution verfaßt worden. Dieses Ereignis schuf z.B. das Adjektiv »revolutionär«. In kaum zehn Jahren wurde die französische Sprache verändert, sogar in bezug auf die Aussprache. Die Sprache des Hofes war nicht länger Gesetz. Roi, moi wurde früher nach Art der englischen Aussprache von loyal und royal ausgesprochen. Nach 1789 wurde die Pariser Weise, »Roa« und »moa« zu sagen, siegreich1.

Aber im Anfang ist eine Revolution unartikuliert. Das unterscheidet sie vom Kriege. Im Kriege haben beide kriegführenden Parteien ihren besonderen Sprachvorrat. Zwei existierende Sprachen streiten wider einander. In einer Revolution ist die revolutionäre Sprache noch nicht bestimmt. Aus diesem Grunde werden die Revolutionäre jung genannt. Ihre Sprache muß im Prozeß der Revolution erwachsen. Wir können sogar eine Revolution die Geburt einer neuen Sprache nennen. Und auf dies Geschehen hin werden alle großen Revolutionen des Westens in meinem Revolutionsbuch behandelt. Hier wollen wir zu einer Definition der Revolution im Vergleich mit dem Krieg vorschreiten. In einer Revolution wird die alte Sprache durch ein neues Rufen übertönt, welches danach verlangt, artikuliert zu werden. Die Revolutionäre machen einen schrecklichen Lärm, aber neun Zehntel ihres Geschreis werden verklingen, und die endgültige Sprache, welche der Bourgeois oder das Proletariat dreißig Jahre später sprechen wird, wird sich von diesem Anfangsschrei gereinigt haben. Während einer Revolution rühren die Leiden von dieser Tatsache her, daß die Revolution noch unartikuliert ist. Der Konflikt liegt zwischen einer überartikulierten aber toten, alten Sprache und einem unartikulierten, neuen Leben. Der Krieg streitet zwischen hier und dort, zwischen den fertigen Sprachen von Freund und Feind. Die Revolution streitet zwischen alt und neu, zwischen der Sprache von gestern und der von morgen, wobei die Sprachgruppe von morgen die angreifende, aber auch unfertige ist.

Zwei weitere Konflikte existieren. Der Gegner der Revolution ist die Tyrannei oder Gegenrevolution. In einer Gegenrevolution greifen die Alten die Jungen an, und Leute von gestern morden die von morgen, wobei die von gestern die angreifenden sind. Diese Technik ist bedeutsam. Während die junge Revolutionsgruppe schreit, weil sie noch nicht artikuliert hat, ist eine reaktionäre Konterrevolution so hyperartikuliert, daß sie heuchelt. Die sprachliche Krankheit der Reaktion ist die Heuchelei. Gesetz und Ordnung sind auf jedermanns Lippen, sogar wenn die Umstände dem gänzlich widersprechen. Trusts und Monopole bezeichnen sich als freie Unternehmungen. Weizenbauern, vom Staat behütet, sprechen von Vertragsfreiheit. Dekadente Familien sprechen vom Glanz der Rasse und beanspruchen Privilegien und so weiter und so fort. Die Wasserpolacken Oberschlesiens stammen plötzlich von den Silingen ab2. Weil Krieg und Revolution unter uns eifriger studiert worden sind als die zwei anderen negativen Situationen des Sprechens, muß eingesehen werden, daß die Tyrannei der Alten ebenso real sein kann wie die Gewalttätigkeit eines machtvollen Nachbarn in Kriegszeiten oder die Gewalttätigkeit der Jungen in Revolutionszeiten.

Die Tyrannei des Alters führt zu Degeneration. Kinder bleiben ungeboren. Die Zukunft wird nicht ins Auge gefaßt, die kleinen Gemeinschaften schwinden dahin. Keine neuen Unternehmungen geringeren Umfangs entstehen mehr. Die Quellen der Erneuerung des Lebens trocknen aus. Die Kleinstadt wird noch als die Heimat aller Tugend gefeiert. Aber dieser Lippendienst veranlaßt niemanden, auch nur ein ganzes Jahr in solch einer kleinen Stadt zuzubringen. Die Familie wird in Predigten und in Schriften idealisiert. Aber in der gleichen degenerierten Zivilisation können die Menschen auf bloß zeitlicher Basis heiraten, und Nachkommen sind ihnen nur lästig. Nur der Ausdruck »Ehe« wird heilig gesprochen, und so geht es mit Patriotismus, Freiheit usw. usf. Lippendienst begleitete die Hitlersche Tyrannei. Eine alte Ordnung ist Degeneration, und schändet die Zukunft des Lebens, wo immer Lippendienst den Platz des Beru-fens einnimmt. Das Gleichgewicht zwischen gestern und morgen beruht auf dem Ausgleichsspiel zwischen artikulierten Namen und artikulierten Kräften. Ich, der ich heute noch unbekannt bin, muß wünschen, morgen bekannt zu werden und mir einen Namen zu machen. Wenn eine Gesellschaft so »klischiert« und verholzt ist, daß sie den Tag der Jugend niemals anbrechen lassen will, ist sie degeneriert. Wenn die Sprache unfähig ist, zur Genüge wiedergeboren zu werden, fehlt die Sprachmöglichkeit zwischen dem alten, anerkannten Leben und dem neuen, unbekannten Leben.

Die Äußerungen des Lippendienstes unter der Tyrannei der älteren Generation oder des wilden Rufens unter der Tyrannei der Revolution machen deutlich, daß die sozialen Erkrankungen des »Verfalls« und der «Revolution« Erkrankungen des Sprechens und der Sprache sind. Sie erleuchten gleichzeitig das linguistische Problem des Krieges. Im Kriege schreien beide Gruppen über die Gräben und durch die Wellen der Propaganda einander zu. Aber innerhalb ihrer selbst sind sie gut artikuliert. Die Verwirrung im Kriege kommt also daher, daß die Sprache nur innerhalb eines begrenzten Bezirkes als wahr angesehen wird: »Ich sage dir die Wahrheit, mein Freund, aber gemeinsam be-lügen wir den Feind.«

»Ich glaube nicht, was der Feind sagt. Was er auch immer sagt, ich bekriege ihn.« Sieg im Kriege bedeutet, daß man auf den Feind nicht gehört hat! Wir könnten den Krieg im sprachlichen Sinne so definieren, daß er eine Situation ist, in der wir nicht auf den Feind hören wollen, aber sehr feinfühlig sind in bezug auf irgend ein Raunen oder Gewisper innerhalb unserer eigenen Gruppe.

Krieg:

man ist überempfindlich in bezug auf im eigenen Lager gesprochene Worte,
unempfindlich gegenüber Worten von außen.

Revolution:

man ist überempfindlich für Rufe der Jugend,
unempfindlich gegenüber den Parolen und den Gesetzen der Alten.

Degeneration:

man übt Lippendienst gegenüber überkommenen Phrasen,
unempfindlich gegenüber dem noch unartikulierten neuen Leben.

Wir haben nun den Punkt erreicht, wo wir eine vierte Krankheit der gesellschaftlichen Sprache näher bestimmen können.

Wie der Revolution die Gegenrevolution sich entgegenwirft -der weiße Terror unter der Restauration und unter Hitler zum Beispiel - so hat der Krieg seinen Gegenspieler. Man kann immun sein gegen Worte, die »innerhalb« der eigenen Gesellschaft gesprochen werden. Wenn wir uns nach dem besten Ausdruck für eine solche Situation umsehen, so können wir versuchsweise die Wörter Krisis oder Anarchie benutzen. Wenn ein Arbeitsloser an meine Tür klopft und ich sage: »Keine Arbeit für Sie«, so scheint kein sprachliches Problem aufgeworfen zu sein. Und doch ist das der Fall. Der Arbeitslose, der nach Arbeit sucht, verlangt nämlich leidenschaftlich danach, daß ihm gesagt wird, was er tun soll. Ich neige zu dem Verdacht, daß unsere Volkswirtschaftler die Dringlichkeit dieses Verlangens als eines Verlangens nach Angesprochenwerden, übersehen! Wir verlangen danach, daß uns gesagt wird, was wir in der Gesellschaft tun sollen. Die innere Krisis einer auseinanderfallenden Gesellschaft wird durch die Tatsache begründet, daß zu vielen Menschen innerhalb dieser Gesellschaft nicht gesagt wird, was sie tun sollen. Ordnung der Gesellschaft versagt, wo da zu wenigen mitgeteilt wird.

Den meisten Menschen von heute fällt es schwer zu verstehen, daß das eine Krankheit der Sprache sein soll. Sie sind alle daran gewöhnt zu meinen, daß die Sprache eine Äußerung von Gedanken oder Ideen sei. Daher wird, wenn ein arbeitsloser Geschäftsmann den Versuch macht, einen Auftrag zu erhalten, oder wenn ein arbeitsloser Arbeiter auf eine Beschäftigung hofft, die Verbindung zwischen diesem Verlangen und der Sprache übersehen. Indessen ist Sprache an erster Stelle Befehlsausgabe. 'Wenn Eltern es vernachlässigen, ihren Kindern Befehle zu geben, hört die Familie auf, eine Familie zu sein. Sie wird zu einem Bündel von schlecht zusammengefügten Individuen. Befehle sind alle die Sätze, aus denen sich ein Befehl zusammensetzt. Der abstrakte Gebrauch des Wortes »Befehl« hat uns vergessen lassen, daß »Gesetz« und »Ordnung« die Summe aller Imperative und Befehle ausmachen, die eine lange Zeitspanne einrichten.

Ein unbeschäftigter Mann ist einer, der nach Befehlen ausschaut, und niemanden finden kann, der ihm Befehle gibt. Warum schaut er nach ihnen aus? Weil das Ausführen von Befehlen Rechte verleiht. Wenn ich eine Tonfigur mache, kann ich nicht beanspruchen, mit ihr Geld zu verdienen. Aber wenn ich den Befehl erhalte, Tonfiguren anzufertigen, so erhalte ich einen Anspruch. Befehlen zu entsprechen verleiht Rechte. Die Millionen von Arbeitslosen während der dreißiger Jahre hofften, daß ihnen irgend jemand sagen werde, was sie tun sollten. Genau die entgegengesetzte Zwangslage besteht im Krieg. Im Krieg sollen wir nicht auf den Feind hören; in der Krisis finden wir niemanden, der zu uns spricht, der uns Weisungen geben will. Im Krieg ist keine Bereitschaft vorhanden auf den Feind zu hören; in der Krisis sind zu wenig Menschen bereit, Befehle zu geben, d. h. mit der ursprünglichen Kraft der Sprache zu sprechen, mit der Kraft, die Richtung weist, die Vollmacht hat.

Die Liste der grundlegenden Sprachkrankheiten ist nun vollständig. Indem wir sie wiederholen, wollen wir sie unter dem Gesichtspunkt analysieren, warum sie vollständig sein muß. Und dann wollen wir daran gehen, die Lehre daraus zu ziehen, die aus diesen Krankheiten für den normalen und gesunden Zustand der Sprache folgt.

  1. Krieg: man hört nicht auf das, was der Feind sagt.

  2. Revolution: man schreit unartikuliert.

  3. Degeneration: man wiederholt heuchlerisch.

  4. Krisis, Anarchie: niemand gibt Befehle.

    Die Sprache schließt Hören und Sprechen ein3, Artikulieren und Wiederholen. Eine gesunde Sprachgruppe benutzt herkömmliche Ausdrücke für neue Tatsachen (Wiederholung), neue Ausdrücke für bisher stummgebliebene, d. h. unbestimmte Tatsachen (Artikulation), breitet sich aus zu neuen Menschen (Sprechen) und achtet jeden Sprecher (Hören). Die beiden Akte des Hörens und Sprechens erweitern ständig die räumlichen Schranken der Sprache: Wir möchten räumlich zu allen sprechen und auf alle hören können. Die beiden Akte des Wiederholens und Artiku-lierens erweitern ständig die zeitlichen Grenzen der Sprache: Wir möchten uns mit allen vergangenen und allen •zukünftigen Generationen verbinden können.

    Alle vier Akte sind mit Gefahr verbunden. Sie gelingen seltener als sie mißlingen. Krieg, Revolution, Dekadenz und Krisis sind die Formen des Mißlingens. Im Kriege sperrt man die Leute aus, die meinen, daß wir auf sie hören sollten; in der Krisis sind die Menschen nicht eingeordnet, die meinen, daß wir zu ihnen sprechen sollten. In der Revolution werden Befehle, die bisher befolgt wurden, ins Lächerliche gezogen. In der Degeneration fallen Rufe, von denen man erwartet, daß sie fortreißen, tot zu Boden.

    verursachen Krieg, Krisis, Revolution, Dekadenz, wenn wir sie als Sprachkrankheit analysieren. Als Taubheit, Stummheit, Schreien und Stumpfsinn tragen sie Namen, die deutlich auf einen Sprachvorgang hinweisen.

    Der Einwand erscheint legitim, daß Krieg nicht Taubheit, Krisis nicht Trägheit ist, usw. Kanonenfeuer und Torpedos, Bankzusammenbrüche und Arbeitslosigkeit sind in sich, was sie sind. Sie sind große Übel, sogar Katastrophen von riesenhaften Ausmaßen. Sieht es nicht so aus, als wenn ich mit Pfeilen auf ein Schlachtschiff schießen wolle, wenn ich diese Katastrophen als Krankheiten im Umlauf der Sprache bezeichnen will? Die Symptome dieser Explosionen der sozialen Ordnung und unserer Diagnose auf Mängel im lebendigen Fluß der kleinen, leisen Stimme erscheinen außer allem Verhältnis.

    Ich möchte gewiß nicht von dem Schauder ablenken, der in solchen Umwälzungen wach wird. Und es fällt mir nicht ein zu fordern, daß wir von solchen apokalyptischen Vorgängen der Wirtschaftskrise von 1929, der bolschewistischen Revolution, den Weltkriegen oder der Niederlage Frankreichs 1940 nicht erschüttert werden sollten.

    Aber auf der Diagnose muß ich beharren. Daß die Diagnose richtig ist, kann am Heilungsprozeß ersehen werden. Ein Krieg endet mit der Unterzeichnung eines Friedens. Eine Revolution endet in einer neuen Ordnung der Gesellschaft. Die Dekadenz Frankreichs ist durch seine gläubige, ehefreudige Jugend überwunden worden, und eine Krisis findet ihr Ende in dem wiederhergestellten Vertrauen und Kredit, z.B. der Rentenmark 1923 von einem Tage auf den ändern!

    Nun, all diese Heilungsvorgänge sind linguistischer oder grammatischer Natur. Wenn der Friede unterzeichnet wird, sprechen die Menschen wieder mit und hören wieder aufeinander. Die verjüngten Franzosen zeigen sich sogar willig, gemeinsam zu planen! Die bolschewistische Revolution hat eine neue Ordnung geschaffen, durch die das, was bis dahin bloßes Ergebnis von Zufällen in der Gesellschaft war, als seine erste Ursache erkannt worden ist: die Produktion. Und die Krisis von 1929 hat neuen Arten des Kredits den Weg gewiesen, und das Vertrauen der Öffentlichkeit ist durch diese neuen Weisen des Kredits wieder hergestellt worden. Friede, Kredit, soziale Ordnung, ein neuer Plan, alle tragen sie das Kennzeichen grammatischer Elemente und Erfüllungen, die durch eine bessere Ordnung des Austauschs der Sprache ermöglicht werden.

    Der Friede läßt uns auf den früheren Feind hören. Kredit ist unsere sprachliche Antwort dem Manne gegenüber, der danach verlangt, mit einem Auftrag betraut zu werden4. Die neue soziale Ordnung bedeutet Abkühlung des revolutionären Fiebers und die Umsetzung des bolschewistischen Geschreis in hochartikulierte blaue Geldscheine für die tägliche Verwendung zwischen revolutionär und nichtrevolutionär. Die Vertretung der Jugend und der Resistance verhindert die Rückkehr zur Erstarrung der überalterten Dritten Republik. Wenn wir Krankheit und Heilung gegenüberstellen, so ergibt sich:

    1. Der Krieg ist die Taubheit gegenüber dem Frieden.

    2. Die Revolution ist der Ruf nach Neuordnung.

    3. Die Krisis ist die Gleichgültigkeit, Befehle zu geben.

    4. Die Dekadenz ist die Herrschaft der Phrase.

    Es schrumpfen die apokalyptischen Katastrophen auf menschliche Maße zusammen. Sie sind so außergewöhnlich gewaltig, solange das Fließen der Sprache versperrt ist. Wenn dieser Strom erneut zirkuliert, hört der Zustand unserer sozialen Umgebung plötzlich auf, Schauder zu erregen. Wo Friede, Kredit, Ordnung, Vertretung gut funktionieren, fühlen wir uns zu Hause und in den angemessenen Größenverhältnissen: In der Vollmacht der Nennkraft erscheint nämlich die Welt weder zu groß noch zu klein. Dies Maßgefühl geht sofort verloren, wenn die Sprache austrocknet. Dann fühlen wir uns überwältigt, ohnmächtig, entsetzt; dann heißt uns der gesellschaftliche Zustand ein Erdbeben, eine Feuersbrunst, eine Überschwemmung; in unseres Nichts durchbohrendem Gefühle fühlen wir uns verloren und klein, in einem Meer von Plagen. Stellt sich das Wort neu ein, dann fühlen wir uns Meister der Lage. Der Atem geht ruhig. Der Sturm hat sich gelegt. Die Flut, die uns zu verschlingen schien, sieht wie ein harmloser Teich aus. Dabei haben die Maße des Ereignisses, soweit ein dritter urteilen kann, sich durchaus nicht verändert. Die zwei bis drei Billionen Menschen bewohnen immer noch den gleichen Planeten. Aber weil wir wieder Kraft fühlen, jeden anzusprechen, ist das Übermaß fort. Unsere Stimme bewältigt wieder die Urvorgänge der Gesellschaft. Hieran wird deutlich, daß die vier Neins der Rede die großen Bruchstellen im Völkerleben sind. Auch in der Gegenwart, nach zwei Weltkriegen, müssen wir vom Kalten Kriege flüstern, weil kein neuer Friede, keine neue Ordnung, keine neue Vertretung und kein neues Vertrauen den Planeten überströmen. Bonn schreit oder schweigt noch 1964 gen Osten.

    Wir sagen also von den vier Strömen des Ja, daß Sprache sie erschaffen und am Leben erhalten muß. Das heißt aber, daß der ewige Ursprung neuer Sprache in unserer Bedrohung durch die vier Formen des Todes entspringt: Dekadenz ist Verwesen ohne Freiheit. Revolution ist Vorlaufen ohne Wiedergeburt. Krieg ist Totschlagen ohne Gnade. Anarchie ist vor die Hunde gehen lassen ohne Mitleid. In allen vier Zusammenbrüchen verschwindet die gemeinsame Zeit: Die in diese Strudel Stürzenden hören auf, Zeitgenossen oder Raumgefährten zu sein. Mithin wird der Ursprung aller Sprache als Sieg über diese Übel gedeutet werden müssen. Deshalb wollen wir hier den Ausgang nehmen. Trifft unsere Diagnose zu, dann sollte der Bau der Sprache ihre politischen Zwecke bezeugen. Bevor wir das prüfen, sei noch eine weitere Frage gestellt, die ebenfalls in unserer eigenen Erfahrung wurzelt. Ist jede der vier Leistungen, die für die neue Sprache aufspringt, von den anderen unabhängig zu denken? Müssen Krieg, Krisis, Revolution, Verfall als unterschiedliche Krankheiten aufgefaßt werden? Müssen vier unterschiedliche Sprachen angewandt werden - eine um Frieden zu schließen, eine um die Krisis zu wenden, eine um die Revolution zu liquidieren und eine, um den Verfall aufzuhalten? Augenscheinlich nicht.

    Wenn ich einem Mann 50000 Dollar anvertraue, wenn du ihn als meinen Vertrauten ansiehst, wenn deine Söhne dein Unternehmen billigen, und wenn wir unseren Kindern gestatten, außerhalb unserer Bekanntschaft zu heiraten, müssen ich, meine Schuldner, du, unser Sohn und unsere Schwiegertochter alle eine und die gleiche Sprache sprechen. Trotzdem beseitigt mein Kredit eine wirtschaftliche Schwierigkeit, beweist dein Vertrauen in mein Handeln, daß du und ich miteinander Frieden haben, handeln unsere Söhne nach einem Grundsatz, der Achtung vor ihren Eltern bezeugt, und erweisen wir eine gesunde Achtung für die Forderung eines neuen, frisch beginnenden Lebens.

    Krieg, Krisis, Revolution, Degeneration sind einseitige Erkrankungen ein und der gleichen Gesundheit: der Sprache. Eine Sprache, die sonst nirgends gesprochen wird, führt uns zum Kriege. Eine Sprache, die nicht zur Vereinigung der notwendigen Linien des Lebens innerhalb ihres eigenen Bezirkes gesprochen wird, führt zur Krisis. Eine Sprache, die gestern nicht gesprochen wurde, bezeugt die Revolution. Eine Sprache, die morgen nicht gesprochen werden kann, führt zum Verfall.

    Auf vier Gesundheitswegen muß Sprache leben, wenn sie nicht sterben soll. Das gilt für unsere Tage und gilt für alle Tage der Menschen. Es ist eine zeitlose Wahrheit. Aber nur deshalb ist sie es, weil Sprache Zeiten stiftet. Die Sprache ist darauf gerichtet, Frieden zu schließen, Vertrauen zu geben, die Alten zu ehren und die nächste Generation frei zu machen. Die Sprachformen müssen diesen Zwecken dienen, denn ohne sie verfällt jede menschliche Sprache. Das gilt, seit wir eine menschliche Geschichte von Jahrtausenden haben. Die Kraft der Sprache ist immer am Werke gewesen.

    Wenn wir nun in die geschichtlichen Anfänge Einblick nehmen, die den Menschen zu Friede, Achtung, Freiheit und Vertrauen mittels formalen Sprechens verhalfen, sei eine weitere Schranke erwähnt, welche uns von dieser Vergangenheit trennt. Das Sprechen ist älter als das Schreiben. Die mündliche Sprache mußte daher das leisten, was uns heute Wort und Schrift gemeinsam leisten. Unsere ganze Zivilisation mit ihrer geschriebenen und gesprochenen Sprache muß ins Auge gefaßt werden mit ihren Friedensverträgen und Parlamentsreden, mit ihren Gesetzen und Paragraphen, mit ihren Moralpredigten und ihren ärztlichen und kirchlichen Heiratsattesten, mit ihren Streikgerüchten und Arbeitsverträgen und sollte verglichen werden mit der ursprünglichen, nur mündlichen Sprache eines Stammes. Förmliche Sprache war in ihm gleichzeitig mündlich gesprochenes Wort und gedrucktes Euch. Sie war überdies Gesang und Gespräch, Poesie und Prosa in einem. Sie war förmliche Sprache gerade aus dem Grunde, weil das Formale und das Unformale, Buch und Flüstern, Gesang und Gespräch, Prosa und Poesie, Gesetz und Liebe sprachlich noch nicht auseinandergetreten waren. Die förmliche Sprache eines Stammes von »unzivilisierten« Menschen konnte nicht Ausdrücke bilden wie »sugar daddy«, »Wer ist's?« »Bäh«, weil sie Zwecken der Kirche und des Staates im mündlichen Stadium dieser Institutionen zu dienen hatte. Der authentische Platz der Sprache ist nur dort, wo Friede, Ordnung, Vertrauen und Freiheit geschaffen werden. Diese Akte begründen die Menschlichkeit des Menschen. Die schwedische Schule der Religionswissenschaft spricht da vom »Sitz im Leben«. Aber schon das Sitzen ist eine bloße Spezialität des “Platzes” oder des “Ortes”. Wenn wir auf die Gegenwart blicken, könnten wir einsehen, daß Katastrophen wie die bolschewistische Revolution, die Weltkriege, die Weltwirtschaftskrise, und, sagen wir, der Zusammenbruch Frankreichs 1940, Sprachlosigkeit der einen oder anderen Art besagen. Der Verlust war unterschiedlich und besonders begründet und infolge seiner konkreten Eigenart verlor er seinen blassen, allgemeinen Charakter. Die besonderen Energien werden deutlich, aus denen sich die Gesellschaft formt.

    Wenn wir nun die Sprachformen der Vergangenheit ins Auge fassen, werden wir eine ähnliche Methode verwenden. Die Mängel haben jene positiven Qualitäten der Sprache erleuchtet, dank derer alle vier Verluste besiegt werden; daher werden die Formen der Stammessprache durchsichtig werden, wenn wir sie als Formen behandeln, die Beziehungen des Gruppenlebens begründen. Die Einblicke, die uns durch die modernen Katastrophen gewährt werden, erklären die Logik der Sprache, ihren authentischen Zweck und ihren logischen Ort als die Antwort auf bestimmte Nöte. Ähnliche Dienste werden uns geleistet für ihre Geschichte durch das Ritual und die Zeremonien der Stämme. Sprache kann also erst in ihrem Verhältnis zu anderen Institutionen sichtbar werden: Wenn die Sprache mit anderen Formen zusammenwirkt, dann ist es überflüssig, die Sprache mit allem und jedem in der Gesellschaft zu belasten. Weil die Sprache auf andere Formen sich bezieht, ist sie nicht allein verantwortlich für die Leistung, die die Menschen von ihren Gruppenleben erwarten.

    In diesem ersten Teile hat sich die formale Sprache offenbart als eine Antwort auf bestimmte Nöte. Nun bleibt uns übrig, ihre eigenen bestimmten Eigenschaften, ihre eigene authentische Gestalt aufzudecken.

     

     

    1 Näheres in meinem »Out of Revolution«, Autobiography of Western Man, 1938, New York.

    2 Eine wahre Begebenheit von 1932 auf meinem oberschlesischen Lager für Arbeiter, Bauern und Studenten.

    3 Der amerikanische Kinozar Bill Hays hat seine Industrie die neue Weltsprache genannt. Aber der Widerspruch der Hörer fehlt dieser »Industrie«.

    4 Über Kredit siehe »Übermacht der Räume« (Soziologie I), 178 ff.