Im Geist und in der Wahrheit

(Pfingsten 2005: Apg 2,1-11; Joh 4,19-26)

I.

"Man sah sie durch die Stadt gehen mit einem Wasser Eimer in der einen Hand, mit einer brennenden Fackel in der anderen. Als man sie fragte, was das soll, antwortete sie, sie wolle mit dem Wasser die Hölle löschen und mit der Fackel das Paradies anzünden. Niemand mehr solle Gott anbeten aus Furcht vor der Hölle oder in der Hoffnung auf das Paradies, sondern einzig nur noch um seiner ewigen Schönheit willen." Die Rede ist von Rabia (714-801), einer der bis heute hoch geschätzten Mystikerinnen im Islam. Was diese Muslima als Symbolhandlung öffentlich inszenierte, gibt gerade heute zu denken und macht zu schaffen. Empfohlen wird eine radikale Absichtslosigkeit, fast hätte ich gesagt: "Reinheit". Wo der Mensch sich von seinen Ängsten leiten lässt, gerät alles aus dem Lot und führt schlussendlich in die Irre. Wo man mit Höllenängsten gar droht und Moral wie Politik macht, wird es fatal und zerstörerisch. All die Gewaltgeschichten in Vergangenheit und Gegenwart zeigen es böse. Aber auch umgekehrt: wo wir Paradiesesträume entwickeln und ihnen nachjagen, ist faktisch der Terror nicht weit. Dann muss man andere mit seinen Vorstellungen vom einzig wahren Leben beglücken, koste es was es wolle. Oder man stürzt sich (und andere) terroristisch in den Tod, weil man aufs fantasierte Paradies hofft, auf Gottes Lohn und ewige Seligkeit. Religion zu verzwecken, Gott zu funktionalisieren, ist fatal. Diese Rabia hat beispielhaft begriffen, dass jede Art Funktionalisierung Gottes und des Lebens zerstörerisch wird. Nein: empfohlen wird radikale Absichtslosigkeit, schöpferische Selbstlosigkeit, Hingabe, Islam. Wer den Glutkern des muslimischen Monotheismus erahnen will, muss diese radikale Gottesleidenschaft in den Blick bekommen - nicht zufällig spricht Rabia von "seiner ewigen Schönheit". Das Bilderverbot ist ernst zu nehmen, die großen Gebetshöfe und Moscheenräume muslimischer Architektur sprechen von der Sichtbarkeit des Unsichtbaren: Vorgeschmack göttlicher Schönheit im Hier und Jetzt, in asketischer Reinheit auf den Einen und Einzigen bedacht und auf die Beziehung zu ihm: Islam, Hingabe, Anbetung, förmlich hingegossen in das alles prägende und bergende Geheimnis des All-Erbarmers, des Einzigen, Allah.

Vergessen wir nicht: Mohammed wollte ursprünglich keine neue Religion gründen. Was ihn visionär umtrieb, war der Wille zur Reinigung der vorfindlichen Religionen. Historisch ist der Islam kaum zu verstehen, wenn wir ihn nicht auch als Protestbewegung am Christentum und Judentum damals lesen. Hatte die Christenheit mit ihren Trinitätsspekulationen damals nicht oft den Eindruck erweckt, sie betriebe Vielgötterei? Waren nicht oft genug magische Praktiken in der Volksfrömmigkeit wichtiger als das Bekenntnis zum Einen, zum Einzigen, zum Lebendigen? Die radikale Gottesleidenschaft war es, die Mohammed auf seinen Weg nötigte. Gewiss: allzu früh schon wurde dieser geistliche Reformimpuls überlagert auch von wirtschaftlichen und politischen Interessen, militärische Gewalt mischte sich ein und nahm allzu oft überhand. Unselig also ist vieles in dieser Geschichte zwischen Muslimen und Christen im Glutkern aber ist diese monotheistische Leidenschaft, diese Unterscheidung zwischen dem Einzigen und den Vielen, zwischen dem Schöpfer und den Geschöpfen, zwischen Gott und der Welt. Seine ewige Schönheit ist es, in deren Licht alles andere erst erscheint und aufblüht - seinerseits dann schön von Gottes Schöpfergnaden - selbst dort noch, wo das Schöne nichts anderes ist als "des Schrecklichen Anfangs, den wir grad noch ertragen".

Vergessen wir auch das nicht: Muslime wie Christen verdanken sich wesentlich dem Geheimnis Israels, dem Wurzelgrund jüdischen Glaubens. Die mosaische Unterscheidung zwischen Gott und der Welt - hier wird sie entdeckt und ausgearbeitet. "Das Heil kommt von den Juden" - sechzig Jahre nach der Shoa ist dies neu fürs Religionsgespräch zu lernen. Die Söhne Ismaels, die Muslime, die Söhne Isaaks und Jesu - sie verdanken sich allesamt dem Vater Abraham, Ibrahim. Dass Gott allein Gott ist, der Einzige, und niemand sonst - das ist die Kulturrevolution der Menschheitsgeschichte, ohne die auch wir hier nicht säßen.

II.

Der vielleicht originellste deutschsprachige Religionstheologe der letzten 100 Jahre, der Jude Franz Rosenzweig, hatte genau dies eingeschärft: Gott ist der einzige - jedenfalls für die Religionen Abrahams. Griechische Philosophie suchte den Einen und die Einheit von allem, heutige Esoterik sucht Einheit und Ganzheit, wo immer. Das Mystik-Gespräch der Gegenwart ist voll von solcher Sehnsucht; Rabia mit dem Wassereimer in der Hand und der brennenden Fackel in der anderen hätte auch heute viel zu tun auf dem Markt der Weltanschauungen. Entscheidend aber, so schärft es gerade Franz Rosenzweig ein, sind nicht das Eine und die Einheit, nein: es geht einzig und allein um IHN, den Einzigen, in seiner unendlichen ewigen Schönheit. Nicht ein All-Eins, nicht ein Es, sondern ein wirkliches Gegen-Über: der Einzige. Bei allen Unterschieden zwischen Juden, Christen und Muslimen - diese Gottes­leidenschaft verbindet sie, diese Umkehr, diese Hingabe. Gerade Rosenzweig war es, der in seiner trialogischen Theologie abrahamischer Religiosität auf den Unterschieden bestand. Bis das Reich Gottes, des Einzigen, des Unvergleichlichen, des All-Erbarmers alles in allem sein wird, braucht es gerade solche Unterschiede - aber eben nicht in dem verfluchten Täter-Opfer-Zusammenhang, der aus Kreuzzugsmentalität erwächst und Folge von Höllenangst und Himmelsgewalt ist. Nein: im Unterschiedenen ohne Angst anders sein zu können und zu sollen, genau darauf kommt es an. Wenn denn der Mensch, wie Dostojewski mit Recht sagte, das Wesen ist, das anbeten muss, dann lautet die alles entscheidende Frage: welche Art Anbetung ist lebensförderlich und gerechtigskeitsstiftend und welche zerstört? Welcher Gott ist wirklich der wahre, der einzige, und wo sind die falschen, die Götter nicht nur, sondern die Götzen?

Heutzutage wird viel auf den Monotheismus biblischer und eben auch koranischer Prägung eingedroschen. Von ihm käme alle Gewalt, von der mosaischen Unterscheidung käme die Wut des Trennens, die Last des Dualistischen, die Rechthaberei aus dann nur vermeintlicher Wahrheitsliebe. Wer wollte leugnen, dass die Geschichte des Christentums und eben auch des Islam eine unglaubliche Blutspur hinter sich herzieht! Wer könnte der Leidensgeschichten Israels vergessen, aber seit der Staatsgründung in Palästina der Mordsgeschichten auch Israels dort? Nichts ist da zu beschönigen. Aber das dem Monotheismus biblischer und koranischer Prägung in die Schuhe zu schieben, ist Geschichtsfälschung und Irreführung. Denn die mosaische Unterscheidung ist es ja gerade, die von Divinisierung und Dämonisierung des Irdischen allererst erlöst und befreit zur konkreten Gestaltung realer Geschichte in Freiheit, Gleichheit und Geschwisterlichkeit. Dort wo einzig der Einzige angebetet wird, absichtslos und zweckfrei allein um seiner ewigen Schönheit willen, da werden derart Anbetende geradezu befreit von der sündhaften Neigung, anderes zu vergöttlichen, anzubeten oder zu dämonisieren. Wo einzig der Schöpfer angebetet wird, werden die Geschöpfe gerade frei; wo einzig Gott angebetet wird, der einzige, wird die Welt in ihrer Vielfalt frei gelassen als das, was sie ist: Welt, Schöpfung, Mitgeschöpf - hinreissend schön, aber auch schrecklich, eben endlich. Biblisch glauben - jüdisch, christlich und muslimisch in versöhnter Verschiedenheit - betont diese mosaische Unterscheidung, diesen wohltuenden Unterschied zwischen Gott und Welt, zwischen Gott und Mensch, zwischen Schöpfer und Geschöpf. Gott sei Dank ist nur Gott, der Gesegnete, Gott - und nichts sonst. Einzig ist nur Er (darf ich auch "Sie" sagen?). Solche Einzigkeit zu bekennen und zu feiern, macht die Sprache der Liebe aus! Wer wüsste es nicht aus Freundschaft und Beziehung: "du bist die einzige, du bist der einzige"... - numerisch gesehen einfach falsch, beschreibend nur irreführend, aber in der Logik der Beziehung, im Geheimnis der Erwählung und des freienden und freigebenden Miteinanders Kurzfassung des Wunders selbst: einzig ist nur er, heilig ist nur er. Derart hingerissen von der Einzigkeit Gottes, wird der Mensch gerade frei für die Bejahung der Welt, für die Gestaltung der Geschichte, für die Bewunderung der Natur und für die Bewahrung der Schöpfung.

Das lernt die Frau am Brunnen: Anbeten im Geist und in der Wahrheit, nicht am Berg Garizim oder in Jerusalem, nicht in Rom oder New York, auch nicht in Rothenfels - nein, im Geist und in der Wahrheit. Das ist kein Monotonotheismus, wie Nietzsche spottete, das ist lebendiges Ergriffensein: Islam, Hingabe, radikale Absichtslosigkeit jenseits von Höllenangst und Paradiesesfantasie.

III.

Vielleicht brauchte es erst, wahnsinnig genug das Desaster der Shoa, um nun endlich Christen und Juden an einen Tisch zu bringen, der Opfer gedenkend und, freilich höchst unterschiedlich, auch der Täter. Vielleicht brauchte es erst den islamistischen Terror, um diesen Tisch endlich trialogisch zu erweitern. Das neue Pfingsten, das es zu feiern gilt, betreibt den runden Tisch aller Völker, Kulturen und Religionen im Geiste des Einzigen, in der Kraft seiner versammelnden und vielsprachigen Energie. Was dringend Not tut, sind immer mehr runde Tische zwischen Juden, Christen und Muslime - aber wir alle wissen, wie sehr wir da noch am Anfang sind. Wieviel Verletzungsgeschichten und Projektionen, wieviel Erblasten an erlittener und vollzogener Gewalt, aber immerhin auch schon wieviel Kulturaustausch, wieviel anstiftende Kraft, wieviel geistliche Osmose und Energie. Wie gut, dass auch Rothenfels zu solchen Biotopen abrahamischer Hoffnung gehört! Aber wieviel Angst, wieviel Abwehr, wieviel Feindbildung und projektive Delegation immer noch...

"Es kommt die Stunde, und jetzt ist sie da, wo wir im Geiste und in der Wahrheit anbeten" - welch eine Verheißung schon damals, welch eine Kraft, Gegenwart zu deuten! Welch eine Verheißung hier und heute! Pfingsten 2005: Anbetung im Geist und in der Wahrheit, abrahamisch, hingerissen von seiner ewigen Schönheit, ganz im Doppelgebot der Liebe verankert - und gerade daraus die Freiheit empfangend, Schöpfung zu bewahren, Gerechtigkeit zu schaffen, Frieden zu stiften. Gerade daraus der Mut zur Vielsprachigkeit, die Kraft, Anderssein ohne Angst und Gegenwehr auszuhalten und auszuarbeiten und die Lust am Unterschied zu lernen, am Reichtum der unterschiedlichen Religionen und ihrer Konfessionen, aber immer in dem einen: im Geiste Abrahams, Ibrahims, im Geiste Jesu, in der Reformabsicht - warum denn nicht? - Mohammeds und so vieler anderer monotheistischer Mystiker.

Bei Johannes vom Kreuz z.B., deutlich angeregt durch die Sufi-Mystik, lesen wir: "Machen wir es so, dass wir durch die bereits erwähnte Übung der Liebe dahin gelangen, uns in deiner Schönheit zu sehen. D.h.: dass wir uns an Schönheit ähnlich sind und deine Schönheit so ist, dass ich, wenn wir einander anschauen, dir in deiner Schönheit gleiche und mich in deiner Schönheit sehe, was dann sein wird, wenn du mich mit deiner Schönheit gleich gestaltest. So werde ich dich in deiner Schönheit, und du wirst mich in deiner Schönheit sehen; und so möge ich in deiner Schönheit Du erscheinen, und du mögest in deiner Schönheit Ich erscheinen, und meiner Schönheit sei deine Schönheit, und deine Schönheit meine Schönheit; und ich werde Du in deiner Schönheit, und du wirst Ich sein in deiner Schönheit, denn eben deine Schönheit wird meine Schönheit sein." Das ist Geist vom Geiste der Rabia, Geist vom Geiste Franz Rosenzweigs, um nur sie zu nennen. "Es kommt die Stunde, und jetzt ist sie da..." heute: Gebe es Gott, der Einzige! "Der Geist des Herrn erfüllt das All, in Sehern und Propheten" - gewiss: in Gestalten wie Mohammed und Rabia, wie Franz Rosenzweig und so vielen anderen, bekannten und unbekannten, hoffentlich auch hier. "Der Geist des Herrn erfüllt das All" - jetzt im gebrochenen Brot, im neuen und ewigen Bund. Im geteilten Leben feiern wir ihn, Jesu von Nazareth, den treuen Zeugen. Hat er nicht unverwechselbar originell das gemacht, was in der Geschichte von Rabia erzählt wird? Ging er nicht durch die Straßen seines kurzen Lebens, um die Mitmenschen von Höllenangst und Paradiesesterror zu befreien? Hier und Jetzt fing er an, Gottes Reich, Gottes Weltherrschaft zu realisieren - ermutigend und tröstend, heilend und konfrontierend. Hingerissen von Gottes Reich und seiner Schönheit allein, vermochte er hier und jetzt schon aufblitzen zu lassen, was das ist, was das sein wird - die Welt des Friedens und der Gerechtigkeit, zärtlich und kraftvoll, geschwisterlich und ermutigend. Ohne die Ausstrahlungskraft dieses Geistlichen aus Nazareth, dieses Sohnes Abrahams, wären wir nicht hier. Was in ihm, so glauben wir fest, endgültig schon geglückt ist, soll überall Realität werden. Dieser Vision und Verheißung entsprechend folgen wir seiner Einladung: "Das ist mein Leib, das ist mein Leben - für euch und, vergessen wir das nie, für alle"...

Gotthard Fuchs