Andreas Möckel

Kreisau und die Tradition der Freiwilligendienste


Inhalt:Vorbemerkung

Die Konferenz am 18. September 1927 in Creisau

Notstand in Waldenburg, Landeshut und Neurode

Die Akademische Freischar und die Erwachsenenbildung

Die Löwenberger Arbeitsgemeinschaft

Die Vorbereitungsfreizeit in Löwenberg vom 27. bis 30. Oktober 1927 und die Konstituierung der Löwenberger Arbeitsgemeinschaft

Das Arbeitslager für Arbeiter, Bauern und Studenten vom 14. März bis 1. April 1928

Der Tagesrhythmus im Lager

Die Tagung im Rahmen des Arbeitslagers

Die Wirkung der Arbeitslager

Die kleinen Gemeinschaften

Der Freiwillige Arbeitsdienst der Regierung Brüning und der Zwangsarbeitsdienst in der NS-Zeit

Freiwilligendienste und die Stiftung Kreisau für europäische Verständigung

Literatur


Vorbemerkung

Die schlesischen Arbeitslager für Arbeiter, Bauern und Studenten sind nach dem Zweiten Weltkrieg Gegenstand von wissenschaftlichen Untersuchungen geworden. Ger van Roon machte als erster auf den Zusammenhang von diesen Arbeitslagern mit dem später so genannten Kreisauer Kreis aufmerksam (van Roon 1967). Peter Dudek widmete in seiner Untersuchung „Erziehung durch Arbeit“ (1988) den schlesischen Arbeitslagern ein ausführliches Kapitel und würdigte auch den Beitrag des 20jährigen Moltke (Dudek 1988, S. 136). Christian Illian („Der Evangelische Arbeitsdienst“) Griff das Thema auf und stellte es in den Spuren van Roon und Walter Hammer dar (Illian 2005, S. 508-515) dar, ohne den Beitrag Moltkes zu der Löwenberger Arbeitsgemeinschaft besonders zu nennen. Den Zeitgenossen war der Beitrag Moltkes bewusst. Darauf soll weiter unten noch einmal eingegangen werden. Moltke selbst maß den Arbeitslagern Bedeutung bei. Er erwähnt sie im Januar 1944, kurz nach seiner Verhaftung, in einem im Gefängnis für die Söhne geschriebenen längeren autobiographischen Bericht über Kindheit und Schulzeit:

Dann kam meine Studienzeit, die ich hauptsächlich den ersten Arbeitslagern und den Schwierigkeiten von Waldenburg gewidmet habe“ (Anwalt der Zukunft S. 28).

Er fügte noch hinzu, er habe „rasend wenig“ gelernt und beim Repetitor „in kurzer Zeit“ das notwenige eingepaukt. Der neunzehnjährige Moltke investierte im Jahre 1927 in die Vorbereitung des Arbeitslagers für Arbeiter Bauern und Studenten und in die Gründung der Löwenberger Arbeitsgemeinschaft viel Zeit. Er fügte damals der Arbeit im Boberhaus, das seit 1926 bestand, etwas Neues hinzu. Im Übrigen war er ein fleißiger, vielseitig interessierter Student (Anwalt der Zukunft S. 33). Was er damals im Einzelnen tat, lässt sich heute schwer abschätzen. Aber es wart trotz seiner Jugend bedeutend (Wittig 1928, S. 14).

Im Abschiedsbrief vom 11. Januar 1945, zwei Wochen vor seinem Tod, sprach Moltke in einem bewegenden Brief von sich in der dritten Person davon, dass er in seinem Leben geführt worden war:

„…all die viele Arbeit, die der Herrgott mit ihm gehabt hat, die unendlichen Umwege, die verschrobenen Zickzackkurven, die finden plötzlich in einer Stunde am 10. Januar 1945 ihre Erklärung. Alles bekommt nachträglich einen Sinn, der verborgen war“ (Briefe S. 110).

Er nennt die Eltern und Geschwister, die Söhne, und dann „…Kreisau und seine Nöte, die Arbeitslager und das Nichtflaggen und nicht der Partei oder ihren Gliederungen angehören, Curtis und die englischen Reisen, Adam [von Trott] und Peter [York von Wartenburg] und Carlo [Mierendorf], das alles ist endlich verständlich geworden durch eine einzige Stunde. Für diese eine Stunde hat der Herr sich alle diese Mühe gegeben“ (ebda).

Wenn die „Löwenberger Arbeitsgemeinschaft“ in diesem Zusammenhang erwähnt wird, war ihm an dieser basis-demokratischen Initiative, an der viele Gleichgesinnte beteiligt waren, viel gelegen. Sie war eine Zeitspanne seines Lebensweges, in der sich sein ethisch bestimmter, sozialer und politischer Lebensentwurf abzeichnete. Moltke sah diese Arbeitslager jedenfalls nicht jugendbewegt romantisch, sondern sozial-politisch.


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Die Konferenz am 18. September 1927 in Creisau
In Creisau trafen sich am 18. September 1927 drei Studierende, und drei Hochschullehrer. Die Studierenden waren Helmuth James von Moltke, sein Vetter Carl Dietrich von Trotha und dessen Freund Horst von Einsiedel, den Trotha aus der Akademischen Freischar kannte. Die Hochschullehrer waren der Jurist Gerhart von Schulze-Gaevernitz, 63 Jahre alt. Er war zeitweilig Reichstagsabgeordneter der Deutschen Demokratischen Partei (DDP), gegründet vom Sozialpolitiker Friedrich Naumann, mit dem von Schulze-Gaevernitz befreundet gewesen war. Er besaß das Gut Crainsdorf bei Neurode in Schlesien. Der zweite Hochschullehrer war Eugen Rosenstock-Huessy, 39 Jahre, Rechtshistoriker und im Auftrag des preußischen Unterrichtsministeriums Berater für Volkshochschulen an der Universität Breslau – ein Amt, das er ernst nahm. Der dritte schließlich war Dr. Hans Peters, Jurist, 31 Jahre, seit zwei Jahren Privatdozent und später Mitarbeiter des preußischen Kultusministers Helmut Becker, der die Breslauer Akademische Freischar kannte und förderte. Einsiedel war damals 22 Jahre alt, Trotha und Moltke waren 20. Vier von den Teilnehmern dieser Besprechung gehörten später zur Widerstandsgruppe, deren Mittelpunkt Moltke war. Rosenstock-Huessy, jüdischer Herkunft, wanderte 1933 in die Vereinigten Staaten aus. Gerhart von Schulze-Gaevernitz starb 1943 im Alter von 79 Jahren. Die sechs Männer riefen 1927 – wie man heute sagen würde – eine Initiative ins Leben, die „Löwenberger Arbeitsgemeinschaft“. Die Beratung in Kreisau (damals noch Creisau geschrieben) vom 18. September 1927 hatte mindestens drei Vorgeschichten, und das Zusammentreffen dieser drei Linien ist das Besondere der Arbeitslager für Arbeiter, Bauern und Studenten, die sich innerhalb von drei Jahren in Deutschland und darüber hinaus ausbreiteten.


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Notstand in Waldenburg, Landeshut und Neurode

Die erste Vorgeschichte: Im Herbst 1926 hatte Moltke den Landrat von Waldenburg, einen Sozialdemokraten, getroffen und mit ihm die Lebensverhältnisse im Waldenburger Kohlengebiet besprochen. Moltke arbeitete in den Osterferien 1927 im Landratsamt in Waldenburg. Das frühere industrielle Zentrum war ein Notstandsgebiet mit katastrophalen Wohnverhältnissen. Moltke war erschüttert. Vielen Familien stand nur ein Wohnraum zur Verfügung. Oft mussten zwei oder drei Familien sich eine einzige Wohnung teilen. Die Waldenburger Kohle konnte mit der qualitativ besseren Kohle Oberschlesiens nicht konkurrieren. Moltke wollte die Missstände an die Öffentlichkeit bringen und setzte seine Verbindungen, die er schon in jungen Jahren geknüpft hatte, dafür ein. Er brachte Journalisten aus dem Ausland nach Waldenburg, die für Wiener und amerikanische Zeitungen schrieben. Nach den Semesterferien besprach er das Problem mit seinem Vetter Carl Dietrich von Trotha und dessen Freund Horst von Einsiedel. Moltke hatte den Plan einer großzügigen Hilfsaktion für den Waldenburger Bezirk. Die drei Studenten sprachen ihren Hochschullehrer Eugen Rosenstock-Huessy daraufhin an, der sogleich bereit war, mitzuhelfen. Joseph Wittig würdigte diesen Beitrag Moltkes ausdrücklich. Er schrieb in einem Bericht über das erste der Arbeitslager 1928 nach Unterlagen, die ihm übergeben worden waren:

Bei allem guten Willen zur Volkbildung wären Rosenstock und seine Freunde vielleicht noch lange mit der Stange im Nebel herumgefahren, wenn nicht einer mit der Nase auf die dringendste, gen Himmel schreiende Volksnot dicht vor den Toren Breslaus und Löwenbergs gestoßen hätte. Dieser eine war der junge von Moltke in Creisau. Mit eigenen Augen hatte er die große Not des Volkes in den benachbarten Kreisen Landeshut, Waldenburg und Neurode gesehen. Und was er gesehen, ließ ihm keine Ruhe mehr. Er wollte und musste Alarm schlagen. Schon hatte Karin Michaelis in der Wiener Neuen Freien Presse einen Aufsehen erregenden Artikel über „Die Hölle Waldenburg, Wohnungselend und Menschenelend“ geschrieben. So wollte er zunächst durch journalistische Betätigung die obersten Stellen im Reich zu einer Hilfsaktion aufrufen. Er nutzte auch seine Beziehungen zu einflussreichen Persönlichkeiten aus und versuchte, Amerikaner, Dänen und Österreicher zur Beteiligung an einem großen Hilfswerk zu bewegen. Schließlich fand er einen Weg zu Professor Rosenstock und zur schlesischen Jungmannschaft. Die nahe Not, von der er Kunde brachte, wurde nun der mächtigste Antrieb zu dem Werke, das Rosenstock und seine Jungmannschaft zu unternehmen berufen waren. Denn nur aus naher Not erwächst echtes Geschehen. Fleisch und Blut müssen um Hilfe schreien, nicht nur irgendwelche sehnsuchtkranken Ideale“ (Wittig 1927, S. 14).

Wittig bezog sich bei der Beschreibung des Verhältnisses des Professors zu „seiner“ Jungmannschaft auf das erste Lager. Nach dem dritten Lager „boxten“ die Leiter der Akademischen Freischar Rosenstock-Huessy aus dem Boberhaus hinaus.


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Die Akademische Freischar und die Erwachsenenbildung
Die zweite Vorgeschichte: Rosenstock-Huessy stand seit 1925 in enger Verbindung mit einer akademischen Gruppe der Jugendbewegung, wie es sie damals in ganz Deutschland gab. Einige Mitglieder der „Akademischen Freischar“ hatten ihn im Jahre 1925 nach einem Vortrag angesprochen. Die Freischar hatte in Schlesien etwa 300 Mitglieder. Mit Hilfe der Fürsprache wohlwollender Freunde war es gelungen, in Löwenberg ein Haus zu erwerben, das Boberhaus. Die Freischar hatte das Haus zunächst für ein Internat vorgesehen, das Lehrlingen aus Schlesien und aus dem Ausland für die Dauer ihrer Ausbildung Unterkunft bieten sollte. Rosenstock-Huessy überzeugte sie, das Haus der Erwachsenenbildung zu widmen (Greiff 1985). Das ist die dritte Vorgeschichte: Nach dem Ersten Weltkrieg war die Erwachsenenbildung wichtig geworden. Man hat die Weimarer Republik eine Demokratie ohne Demokraten genannt. Heute könnte man sagen: Der Weimarer Republik fehlte eine aufrichtige, demokratisch eingestellte Zivilgesellschaft. Rosenstock-Huessy gehörte zu einer losen Gruppe innerhalb der Erwachsenenbildung, zum „Hohenrodter Bund“, der – vereinfacht ausgedrückt – eine Zivilgesellschaft befördern wollte. Sie wollten eine von konfessionellen und parteipolitischen Voreingenommenheiten freie Streitkultur (Laack 1984). Das ist, im Weltmaßstab gesehen, heute so aktuell wie damals. „Freie Erwachsenenbildung“, das meinte nicht im Dienst einer bestimmten Partei, Konfession oder eines Verbandes, aber an politischen und gesellschaftlichen Fragen ausgerichtet. Der Hohenrodter Bund suchte hierbei auch nach wirksamen Formen für die Erwachsenenbildung. Arbeitslager mit Gruppen gegensätzlicher Weltanschauung, Podiumsgespräche, Freizeiten, Exkursionen, Schullandheime u. a. sind Erfindungen jener Zeit.

Carl Dietrich von Trotha und Horst von Einsiedel gehörten zur Freischar, Helmuth James von Moltke nicht. Die Konferenz in Kreisau im September 1927 war der Beginn einer intensiven Zusammenarbeit, besonders bei der Vorbereitung des Arbeitslagers für das Jahr 1928, das zu einem bis dahin unbekannten Modell führte. Durch die Zusammenarbeit der Akademischen Freischar mit dem Berater für Volkshochschulen der Universität hatte das Boberhaus an Professionalität und Ernsthaftigkeit gewonnen. Die Akademische Freischar hob sich dadurch von anderen Bünden der Jugendbewegung ab. Durch die Initiative Moltkes kam eine neue Qualität hinzu. Die Freischar stellte sich der realen wirtschaftlichen Not der Bevölkerung in Landeshut, Waldenbuch und Neurode. Das zwang zur genauen Information, zur Suche nach Verbündeten und zu einer strategischen Planung.


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Die Löwenberger Arbeitsgemeinschaft
In der Konferenz in Creisau am 18. September 1927 waren diese drei Kräfte beisammen. Das politisch-soziale Engagement Moltkes, ein progressive, demokratische Form der Erwachsenenbildung, die auch von der Universität Breslau getragen war, und die bündische Jugend Schlesiens. Die Teilnehmer sahen drei große Arbeitsgebiete, ein wissenschaftliches, ein erzieherisches, und als drittes Aufgabengebiet die publizistische Vertretung nach außen. Das wissenschaftliche Arbeitsgebiet übernahmen Prof. Gerhart von Schulze-Gaevernitz und Privatdozent Hans Peters, der außerdem für die Unterabteilung der verwaltungsrechtlichen Fragen zuständig war. Das erzieherische Arbeitsgebiet übernahmen Professor Rosenstock-Huessy und Horst von Einsiedel. Die Arbeit sollte mit einer Freizeit in Löwenberg vom 28.-31. Oktober 1927 und mit der Vorstellung der Löwenberger Arbeitsgemeinschaft beginnen. Dort sollte zu einem Arbeitslager im März 1928 eingeladen werden. Die publizistische Tätigkeit, die Kassenführung und die allgemeine Vermittlung übernahmen Moltke und Trotha.

Folgende Arbeitsthemen wurden in Kreisau vorläufig formuliert:

Arbeiterleistung und Arbeitereinkommen“, „Konsumgewohnheiten“, „Verkehrsfrage in der Auswirkung auf die Preisbildung“. Die Teilnehmer beschlossen um ein hochkarätiges Kuratorium zu werben. Von-Schulze-Graevenitz und Rosenstock-Huessy sagten an Ort Stelle zu. Ferner sollten unter anderem angesprochen werden der Fürstabt von Grüssau, Direktor Dr. Gärtner, der Dichter Gerhard Hauptmann, der Reichstagpräsident Paul Löbe, die Gräfin Magnis, der Oberpräsident a. d. Philipp, Prinz von Pless, Regierungspräsident Pöschel, Geheimer Komerzienrat Rinkel, Hermann Stehr.

Die Konferenz sollte nach der Freizeit im Boberhaus vergrößert werden, unter anderem um den Staatssekretär Dr. Hans Krüger, der später an mehreren Besprechungen der Kreisauer teilnahm, einmal auch in Kreisau.


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Die Vorbereitungsfreizeit in Löwenberg vom 27. bis 30. Oktober 1927 und die Konstituierung der Löwenberger Arbeitsgemeinschaft

Unter dem Einladungsschreiben zur Freizeit Ende Oktober vom 27.-30. Oktober 1927 standen drei Unterschriften, zwei auf der linken Seite, für die Akademische Freischar von Hans Dehmel, dem Leiter, und Horst von Einsiedel, auf der rechten stand für sich allein die Unterschrift von Helmuth James von Moltke. Es waren 90 Personen eingeladen worden und 70 gekommen, und zwar aus vielen Gruppen der Gesellschaft. Sie unterschieden sich nach Konfessionen und politischen Präferenzen und pflegten im Allgemeinen lieber unter sich zu bleiben. Die Teilnehmer waren unter anderem auch danach ausgewählt worden, dass sie im gegnerischen Lager Ansehen genossen. Es beteiligten sich neun Fabrikanten und Gutsbesitzer, fünf Pfarrer und fünf Lehrer, acht Bergarbeiter und Gewerkschaftssekretäre, drei Professoren und elf Verwaltungsbeamte, sechs Teilnehmer in Begleitung der Ehefrauen. Der Berichterstatter der Begegnung schickte zwei Überlegungen voraus:

1. Parteipolitische und persönliche Gegensätze verhindern wie überall lebensnotwendige Maßnahmen, die nur durch freiwillige Zusammenarbeit gegnerisch eingestellter Kräfte durchgeführt werden können.“

2. Die sozialen Notstände, Abwanderung der besten Arbeitskräfte, Verfall der Werksgesinnung, Verwahrlosung der Jugendlichen, können nur durch erzieherische Maßnahmen bekämpft werden.“

Das zweite klingt angesichts der tatsächlichen Notlage im Kohlerevier bescheiden, aber man darf sich diese Maßnahmen nicht zu einfach vorstellen; denn es waren zum Beispiel die Einführung des 9. Schuljahres in der Volksschule, die Errichtung von Horten für Kleinkinder und die Einrichtung eines Mädchenheimes damit gemeint. Vor allem forderten die Anwesenden die Verbesserung der Wohnverhältnisse. In einem Referat kam die Wohnungsnot zur Sprache. Die Teilnehmer erfuhren, dass in Berlin 8,5 % aller Wohnungen aus einen Raum bestanden, in Breslau 17 %, in der Stadt Waldenburg dagegen 31 % und in den Industriedörfern um Waldenburg sogar zwischen 35 % und 78 %. Die Teilnehmer bildeten Ausschüsse. Moltke, Trotha und Einsiedel stellten sich als geschäftsführende Sekretäre zur Verfügung. Die deutsche Schule für Volksforschung und Erwachsenenbildung, ein Kind des Hohenrodter Bundes, legte einen Schwerpunkt auf das Landeshuter-Waldenburger-Neuroder Kohlerevier. Die Konferenz lud, wie in Kreisau geplant, zu einem Arbeitslager von Arbeitern, Bauern und Studenten ein.


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Das Arbeitslager für Arbeiter, Bauern und Studenten vom 14. März bis 1. April 1928

Das Arbeitslager 1928 in Löwenberg war das erste seiner Art. Es gab schon vorher Arbeitslager, zum Teil auch mit gemischter Besetzung von Arbeitern und Studenten. Für das Lager in Löwenberg waren Gruppen angesprochen worden. Die Arbeiter sollten sich in ihrer Gruppe sicher fühlen und so die Bauern und Studenten in ihren. Die Studenten kamen in der Hauptsache aus der Akademischen Freischar, die das Arbeitslager organisierte. Wenn man die Berichte liest, wirkt vieles fremd; trotzdem ist es nützlich, sich Einzelheiten zu vergegenwärtigen, weil daran die Konzeption abgelesen werden kann. Danach wiederum kann erst beurteilt werden, ob sich einiges in unsere Zeit übertragen lässt. Der Gedanke, in einem Arbeitslager ganz unterschiedliche, ja gegensätzliche Gruppen zusammenzubringen, war ein riskanter Versuch. Er stieß auf Misstrauen in den Parteien, Gewerkschaften und kirchlichen Konfessionen. Im Jahre 1927 und 1928 waren die wirtschaftlichen Verhältnisse gut. Die Zeit von der Einführung der Rentenmark im Oktober 1924 bis zum Schwarzen Freitag an der Börse in New York im Oktober 1929 gelten als die goldenen Jahre der Weimarer Republik. Die Wirtschaft erholte sich. Die Arbeitslosigkeit, die wenige Jahre später Deutschland in einen politischen Hexenkessel verwandelte, war noch nicht bedrohlich. Im Januar 1928 zählte man 1,8 Millionen Arbeitslose, im Juli genau eine Million. Die bürgerlichen Parteien (Zentrum, DVP, DDP und DNVP) hatten im Deutschen Reichstag zusammen die Mehrheit von insgesamt 54% der Stimmen. Die Nationalsozialisten hatten in den Wahlen von 1924 gerade eben 3,0 % erreicht. Reichskanzler war Dr. Marx vom Zentrum. Er blieb auch 1928 im Amt. Außenminister war Gustav Stresemann. Es war gar nicht einfach, die jungen Industriearbeiter für drei Wochen frei zu bekommen. Man musste ihnen den Lohnausfall ersetzen. Moltke sprach den Zentrumsabgeordneten Brüning an und der erwirkte für das Lager einen hohen finanziellen Zuschuss aus der Schatulle des Reichspräsidenten.


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Der Tagesrhythmus im Lager
Im ersten Lager beteiligten sich nur Männer. Erst im dritten Lager 1930 nahmen auch 28 Frauen teil. Diese waren auswärts einquartiert, die Männer wohnten im Boberhaus, nicht in Zelten. Lagerfeuerromantik lag ganz fern. Wecken war um 6.30 Uhr, es folgte ein so genannter Waldlauf von zehn Minuten, bei dem geschwiegen wurde, dann war Zeit zum Waschen, Um 7.30 Uhr hielt Eugen Rosenstock-Huessy täglich eine kurze Ansprache von 20 bis höchstens 30 Minuten zu Themen, die das Leben der Jugendlichen und ihren Kampf mit dem Alltag betrafen. Es waren „gegeneinander abgesetzte Bilder“ zu Berufen in der Industrie, in der Landwirtschaft, akademischen Berufen. Es ging um historisch-gesellschaftlichen Wandel der Bedingungen, wie Arbeitszeit, Lohnverhältnisse, betriebswirtschaftliche Notwendigkeiten. Er bot den Jugendlichen Kategorien an, mit denen sie lernten, ihre eigene Situation zu durchschauen und in das Ganze der Gesellschaft einzuordnen. Sie sollten – nicht nur, aber auch schon in diesen Morgenansprachen – existentiell angesprochen werden. Nach dem überwältigenden Zeugnis vieler Teilnehmer gelang das auch. Zum dritten Lager meldeten sich 200 Teilnehmer, von denen nur die Hälfte aufgenommen werden konnte. Die jungen Männer diskutierten die Ansprachen nicht sogleich, sondern am Nachmittag zusammen mit andern Themen. Die Ansprachen am Morgen sollten die Teilnehmer, die ganz verschiedenen Berufen und politischen Tendenzen angehörten, „geistig zusammengehalten“. 8.00 Uhr Frühstück. Von 8.30 Uhr bis 12.30 Uhr körperliche Arbeit, zum Beispiel im dritten Workcamp machte ein Drittel Hausdienst, ein zweites Drittel hackte gegen angemessene Bezahlung Brennholz auf dem Hof der Landesirrenanstalt in Plagwitz, das letzte Drittel setzte einen verfallenen Gutshof in Stand, ebenfalls gegen Bezahlung. Der Zweck der körperlichen Arbeit lag nicht in erster Linie in der Aufbesserung der Lagerkasse, sondern in ihrer Wirkung auf die Teilnehmer. Es ging um die Übereinstimmung oder Nichtübereinstimmung im Verhalten am Vormittag bei der Arbeit und am Nachmittag in den Gesprächsrunden. „Die Klassenlage der drei Schichten“, schrieb Rosenstock-Huessy im Bericht an das Kultusministerium, „ist eine derart entgegen gesetzte, dass eine Begegnung nur im Ideologischen oder [nur] in der Handarbeit gleich illusionistische Resultate zeitigen müsste“. Nach dem Mittagessen war Ruhezeit, damit die Teilnehmer sich in den drei Wochen „nicht zum Ekel werden“ sollten.

Ab 14.30 Uhr fanden Vorträge und Aussprachen statt oder es begann die Arbeit in Gruppen. Die Aussprachegruppen waren anders zusammengesetzt als die Wohn- und Arbeitsgruppen. In ihnen wurde die eigens für die Arbeitslager entwickelte biographische Methode verwendet. Die Teilnehmer erhielten ausführlich Gelegenheit, ihren Lebenslauf und ihre Lebenssituation darzustellen. Sinn dieser Methode war es, den Teilnehmern andere Lebenshorizonte vorzustellen als die ihnen von ihrer Berufswelt her vertrauten und sie ihnen begreiflich zu machen. Die jungen Landwirte stellten sich den Arbeitern und zukünftigen Akademikern vor und umgekehrt. Aus den Lebensläufen ergaben sich allgemeine Fragestellungen.

Im ersten Arbeitslager hielt Adolf Reichwein nachmittags regelmäßig Vorträge. Er hatte 1926 in Jena ein Volkshochschulheim gegründet und ausgedehnte Studienreisen nach England, in die USA, nach Kanada und Alaska, Japan, China und auf die Philippinen gemacht. Darüber berichtete er Aufsätzen und Büchern. Er war wie Rosenstock-Huessy ein faszinierender Lehrer und Redner und führte die Jugendlichen in die Fragen der Weltwirtschaft und in die daraus notwendig entstehenden geographisch und wirtschaftlich bedingten Konflikte ein – Konflikte der „Globalisierung“. Eugen Rosenstock-Huessy ging mehr auf die historischen Brüche und gesellschaftlichen Widersprüche ein. Beide zeigten die unerwarteten Folgen zeitlich und räumlich scheinbar völlig entfernt liegender Prozesse für das tägliche Leben der jungen Menschen auf. Am Abend gab es kulturelle Veranstaltungen. Im dritten Lager 1930 lernten die Teilnehmer ältere und moderne Tänze. Es gab jedoch auch andere musische Betätigungen. Damals kamen Sprechchordarbietungen in Mode. Im ersten Lager streikten die Teilnehmer gegen die Proben am Abend und wollten lieber in der Dorfgaststätte ein Bier trinken gehen und sich mit Mädchen unterhalten. Im dritten Lager gelang es, die Teilnehmer besser zusammenzuhalten. Um 21.30 Uhr war offiziell Schluss.


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Die Tagung im Rahmen des Arbeitslagers
In diesen Ablauf hinein kamen am zehnten Tag des Lagers 70 Gäste zu einer Tagung in der Tagung mit Vorträgen und Aussprachen vor den hundert jungen Arbeitern, Bauern und Studenten. Es war eine andere, die ältere Generation, und ihre Vertreter standen mit beiden Beinen in der gesellschaftlichen, politischen, kirchlichen, gewerkschaftlichen Verantwortung. Keiner der Professoren, hohen Regierungsbeamten, Kirchenvertretern, Gewerkschaftsführern konnte wie zu einer eigenen Klientel sprechen. Jeder musste allgemein verständlich seine Probleme ausdrücken, die alle im weitesten Sinne mit der Notlage in Waldenburg, Landeshut und Neurode zusammenhingen. In einem Bericht heißt es: „Jeder musste sich blamieren, wie er konnte.“ Die Jugendlichen wiederum lernten Persönlichkeiten kennen, die sie aus der Zeitung kannten, die aber aus der Nähe anders waren als ihr Bild in der Öffentlichkeit.

Einen Eindruck gibt ein Brief von Moltkes schottischer Mutter, die ihren Eltern nach Südafrika schrieb, wo ihr Vater oberster Richter war. Sie schrieb nach der Rückkehr aus Löwenberg.

... Unser Löwenberger Ausflug war ein großer Erfolg. Meinungen aller Schattierungen waren vertreten, vom Großgrundbesitzer bis zum Kommunisten. Und alle mußten ihre Meinung frei äußern, was sie auch taten; so kam sozusagen eine freundliche Opposition zustande. Helmuth [der Vater Helmuth James] saß beim Essen neben einem Arbeiter, einem enthusiastischen sozialistischen Gewerkschaftler von den Zeisswerken in Jena, und sie vertrugen sich so gut, daß der Arbeiter ihm schließlich ein Buch über den Gründer der Zeisswerke mit einer netten kleinen Widmung schenkte. Alle waren dort gleich (keine Titel wie Herr Professor oder Herr Bischof usw., die die Deutschen doch so lieben). Alle Meinungen sollten zum Ausdruck kommen, alle gleich stark. Ihr hättet Euren Enkel sehen sollen, wie er für das Abendessen Mohrrüben schabte. Einhundertachtzig Menschen waren da, alte, junge und von mittlerem Alter. Wir bezahlten drei Mark pro Tag und bekamen fünf Mahlzeiten, natürlich einfache, aber gesund und lecker. Ihr hättet es beide höchst interessant gefunden. Sonntagabend haben sie die Thisbe-Szene aus dem Sommernachtstraum wirklich entzückend aufgeführt.  ...

Nach der Tagung, nachdem die Gäste abgereist waren, fand eine Wanderung statt, um die Spannung der drei vorausgegangenen Tage in einem rein menschlichen Zusammensein aufzufangen und um die Eindrücke der Vorträge und Podiumsdiskussionen sich setzen zu lassen. Das Arbeitslager endete mit einem Abschlussabend, für den die Teilnehmer kleine Darbietungen vorbereiteten.


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Die Wirkung der Arbeitslager
Das Zusammenleben, die Verstehenshilfen für den eigenen Alltag, die neuen Bekanntschaften und Freundschaften unter den Gleichaltrigen und die neuen Begegnungen mit Persönlichkeiten, die große Verantwortung trugen, warfen die jungen Leute um. Das Echo auf diese Erfahrung war enthusiastisch, und der Enthusiasmus war ansteckend. Die Wirkung des ersten Arbeitlagers auch nach außen war gewaltig. Es hatte zwar schon vorher viele Arbeitslager von verschiedenen gesellschaftlichen Gruppen gegeben (Illian 2005). Auch die Akademische Freischar bot nicht erst seit 1928 Arbeitslager an. Reichwein hatte kurz nach dem Ersten Weltkrieg sogar schon Arbeiter und Studenten zusammengebracht. Sein Plan war es damals gewesen, in den Ferien eine „Lebensgemeinschaft von Studenten und gleichaltrigen Industriearbeitern für ein oder zwei Monate zu vereinen. In einem Taunusdörfchen ­ abseits vom sonstigen Lärmen ­ mietete er ein ganzes Bauernhaus an. Der Ort lud zur Besinnung ein. Aus der Besinnung sollte ein gemeinsamer Geist kommen. Er lud unmittelbar nach den Frühlingsferien junge Arbeiter verschiedener Industriestädte Deutschlands zu einer „sachlichen Aussprache“ zwischen der akademischen und proletarischen Jugend ein. Er rechnete mit je 8 Studenten und 8 Arbeitern, „dazu eine Hausfrau“. Es meldeten sich elf Arbeiter, die zusammen mit Studenten unter einem Dach wohnten und die Ferien zusammen verbrachten.

Die Industriearbeiter waren begeistert, endlich einmal Studenten gefunden zu haben – auch außerhalb des Parteigetriebes – mit denen sie tatsächlich restlos in Gemeinschaft leben und denken konnten. Wie oft sagten sie, daß dies alles sie so anpacke, angreife, neu auf sie einstürze, daß sie es nicht in dieser kurzen Frist bewältigen können, daß dies alles erst in einem langen Herbst und Winter wirken könne. Die Briefe die jetzt kommen beweisen dies“, schrieb Reichwein 1921 in einem Aufsatz (Reichwein 1978, S. 7/8).

Er hatte gute Erfahrungen mit der Zusammenarbeit von Industriearbeitern und Studenten gemacht. Als er von dem ersten Arbeitslager nach Jena zurückkehrte, schrieb er in einem Bericht, „… da wir in Thüringen etwas dergleichen noch nicht versucht haben, so kann dieser Bericht vielleicht Anregung sein“, obgleich ihm bewusst sei, dass die „Voraussetzungen für etwas Ähnliches bei uns außergewöhnlich ungünstig sind“ (Reichwein 1928/29, S. 14).

Man hat mich aufgefordert, als Lehrer an dem schlesischen Arbeitslager, das vom 11.-31. März in Löwenberg zusammentrat, teilzunehmen. Ich hatte den Gegenwunsch geäußert, dann auch eine Gruppe junger Arbeiter aus unserem eigenen Heim mitbringen zu dürfen. Auf dieser Grundlage reisten wir nach Schlesien. Das Lager sammelte sich nicht etwa, wie man vermuten könnte, in Zelten um abendliche Feuer, sondern in dem festen Boberhaus, das wir bei uns in Thüringen etwa, was Format betrifft, mit Dreißigacker [ein Volkshochschulheim] vergleichen könnten. Annähernd hundert Burschen und junge Männer waren gekommen: Industriearbeiter aus dem Kohlenrevier von Waldenburg und dem Textilbezirk Landeshut, Studenten und Landarbeiter vorwiegend aus dem Kreise Glogau. Der Zweck des Lagers war, diese Menschen aus verschiedenen Berufsgruppen und von verschiedener Lebensart durch das fast dreiwöchige Zusammensein zu einem Austausch zu bringen, der für alle eine wichtige Lehre sei. Es handelt sich keineswegs darum, im kleinen eine „Volksgemeinschaft“ in dem Sinne zu stiften, daß man die Widersprüche des heutigen gesellschaftlichen Lebens durch gefühlsmäßige Bindungen überbrücke. Vielmehr stand über dem ganzen Lager ein Wort, das gelegentlich mit Einstimmigkeit an die Spitze einer Entschließung gesetzt wurde und die Tragweite des Lagers beschränkte: „Trotz der bestehenden wirtschaftlichen Gegensätze“. Dadurch, daß man ungetrübt diese Gegensätzlichkeit sah und immer im Bewußtsein trug, konnte man das andere, nämlich die persönliche Austauscharbeit umso besser tun“ (ebda S. 14-15).

Reichwein stellte später die Verbindung von Julius Leber und Theo Haubach zum Kreisauer Kreis her und arbeitete pädagogische Grundsätze aus. Als seine Wohnung in Berlin nach einem Bombenangriff abbrannte, fand die Familie im Schloss in Kreisau ein Unterkommen. Die Konzeption der schlesischen Arbeitslager überzeugte in ganz Deutschland und im Ausland. In allen Ländern Deutschlands ahmte man sie nach. Die Verantwortlichen wollten keine verpflichtenden Gesetze, sondern eine neue, zur Nachahmung einladende Sitte einführen. Vom Berater für Volkshochschulen der Universität Breslau aus gesehen, waren die Arbeitslager ein Mittel, um der Universität Boden unter den Füßen zu geben. Rosenstock-Huessy sah die Arbeitslager in Analogie zu einer neuen Arbeitsform der Schule. Die Schulen hatten sich in den Schullandheimen ein neues Mittel der Erziehung geschaffen. Schüler und Lehrer hielten sich etwa zwei Wochen in einem Landschulheim in anderer Umgebung als sonst auf. In engem Zusammenleben von Lehrern und Schülern verbesserte sich in gut vorbereiteten Aufenthalten das Klima in der Klasse für die Dauer eines ganzen Schuljahres.

Rosenstock-Huessy sah mit Trauer, dass die Universität ihre politisch-gesellschaftliche Führungsrolle mehr und mehr verlor und wünschte der Universität eine bessere Bindung zu gesellschaftlichen und politischen Gruppen. Professoren und Studenten sollten mit allen Schichten der Bevölkerung zusammenkommen zu einer Zusammenarbeit und zu einem Zusammenleben auf Zeit und zum gemeinsamen Nachdenken über konkrete Probleme und konkrete Lösungen. Heute würde man diesen Versuch mit der Formel umschreiben: Global denken, lokal handeln. (Think global, act local.) Diese Maxime fanden der Sache nach in der Vorbereitung der Arbeitslager Moltke, Einsiedel, Trotha mit Professoren wie Reichwein, Peters und Rosenstock-Huessy. Hier liegt die Übereinstimmung mit Einrichtungen wie Aktion Sühnezeichen oder „amnesty international“ oder „Greenpeace“ und mit dem Entwurf Moltkes von den „Kleinen Gemeinschaften“. Moltke gab mit seinem Beitrag der aufs Universelle hin angelegten Universität die Gelegenheit, über reale Nöte jetzt und hier nachzudenken und sich in das wirkliche soziale Leben einzumischen. Im Krieg war es für ihn ein eine große Enttäuschung und ein großer Schmerz, dass die großen Institutionen, wie Kirchen, Militär, Hochschulen stumm und tatenlos zusahen, wie staatliche Behörden begangene Verbrechen geschehen ließen.

Von den schlesischen Arbeitslagern führt über das Camp William James in den USA der Weg auch zu dem amerikanischen „Civilian Conservation Corps“, das Servan Shriver, der Schwager John F. Kennedys, in dessen Auftrag aufstellte. Shriver berief sich ausdrücklich auf das Camp William James, das Eugen Rosenstock-Huessy mit Studenten eingerichtet hatte.


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Die kleinen Gemeinschaften
Der Text Moltkes über die „kleinen Gemeinschaften“ entstand noch vor dem Zweiten Weltkrieg. Er ist jedoch erst nach dem Zweiten Weltkrieg veröffentlicht worden. Als Moltke den Text schrieb, waren alle politischen Parteien zwangsweise längst aufgelöst und fast alle Verbände „gleichgeschaltet“, also mit List und Tücke unter die Kontrolle der NSDAP gebracht worden. Eigeninitiative auf politischem Gebiet war nur noch im Geheimen unmöglich. Der NS-Staat gewöhnte die Menschen daran, sich führen zu lassen und sich nur im Rahmen der Partei und ihrer Nebenorganisationen mit Energie einzusetzen. Das Wort „Einsatz“ spielte in der LTI, der Ligua Tertii Imperii, wie der Romanist Viktor Klemperer sie nannte, eine große Rolle. „Einsatz“ hieß der – oft durchaus mutige - Einsatz in den vorgegebenen Grenzen, aber ohne Zivilcourage. „Einsatz“ hieß Bewährung unter den Augen der Partei oder der Staatsorgane, vorbildliche Pflichterfüllung von Kindern, die gute Noten nach Hause bringen oder von Angestellten, die ihre Bürochefs zufrieden stellen wollen. Der Nationalsozialismus mit seinen vielen Organisationen und Nebenorganisationen war eine Riesenanstalt die den Menschen weismachte, Verantwortung bestünde in Gehorsam und in der Ausführung der aufgetragenen Pflichten, aber ohne eine politische Gewissensprüfung. Friedrich Naumann wird ein Wort zugeschrieben, das dem Sinn nach lautet: Wer Menschen bilden will, muss Korporationen schaffen.

Die Gliederung des Textes von Moltke zeigt die Richtung des Gedankenganges. Moltke sucht nach einem Konzept, das gerade umgekehrt wirkt und die persönliche Verantwortung, das Denken für das Ganze, die Selbständigkeit und die Sensibilität eines politischen Gewissens schärft. Im ersten Teil werden „die kleinen Gemeinschaften“ vorgestellt, im zweiten kurzen Teil werden diese den „Gemeinwesen“ gegenüber gestellt und unterschieden von ihnen abgehoben. Im dritten Teil erläutert Moltke „das Verhältnis von Staat, Gemeinwesen und kleinen Gemeinschaften“, und im vierten Teil kommt er noch einmal auf „Form und Wesen der kleinen Gemeinschaften“ zurück. Hans Mommsen schrieb darüber:

Moltkes Konzept der ‚kleinen Gemeinschaften’, das den Schlüssel zum Verständnis der Kreisauer Pläne abgibt, ist ebenso sehr ein eigenwilliges, subjektive Erfahrungen verallgemeinerndes und utopisches Konstrukt wie ein faszinierender philosophischer Ansatzpunkt zur radikalen Neubestimmung des Wesens der Politik als unverzichtbarer Dimension menschlicher Existenz. Insoweit ist der Kreisauer Entwurf gegenüber dem Kriterium technischer Realisierbarkeit sakrosankt“ (Mommsen 1985, S. 590).

Damit schätzt Mommsen die Bedeutung dieses Textes sehr hoch ein. Warum er jedoch davon spricht, dass „der Kreisauer Entwurf gegenüber dem Kriterium technischer Realisierbarkeit sakrosankt“ sei, ist nicht verständlich. Moltke geht nicht davon aus, dass es die kleinen Gemeinschaften erst geschaffen werden müssen, sondern dass es sie längst gibt. Er sieht, dass kleine Gemeinschaft, wie zum Beispiel eine freiwillige Feuerwehr oder eine Genossenschaft zur Beratung landwirtschaftlicher Betriebe, eine Hausgemeinschaft zur Verschönerung des gemeinsam bewohnten Wohnblocks oder eine Elterngemeinschaft, die einen Kindergarten unterhält, zwar zur Verantwortung gegenüber der Allgemeinheit erziehen können, aber auch nur zum Gruppenegoismus. Zur Vereinfachung des Sprachgebrauchs nennt er diese schon bestgehenden Einrichtungen zusammenfassend kleine Gemeinschaften. „Kleine Gemeinschaften“ sind nichts, was man neu erfinden müsste. Es gibt sie längst, so wie es freiwillige Feuerwehren, Deichgenossenschaften, Vereinigungen der genossenschaftlichen Selbsthilfe, Lebensrettungsgesellschaften und vieles andere gibt. Er stellt sich zwei Fragen. 1. Was kann der Staat dazu tun, dass diese Einrichtungen sich in der gewünschten Richtung auswirken und die Verantwortung der einzelnen Mitglieder stärken und was kann er tun, um gruppenegoistische kleine Gemeinschaften zu verhindern? 2. „Wie können die kleinen Gemeinschaften, die die es bereits gibt, und die es etwas gelingt zu schaffen oder wieder zu beleben, für die Staatsverwaltung nützlich gemacht werden“?

In diesem Text erwähnt er die Löwenberger Arbeitsgemeinschaft und die „Arbeitslager für Arbeiter, Bauern und Studenten“ nicht, aber man braucht auch nicht daran zu zweifeln, dass ihm die Mitarbeit von über hundert jungen Menschen im Jahre 1927/28 im Rahmen der Löwenberger Arbeitsgemeinschaft zehn Jahre nicht gegenwärtig gewesen wäre. Insofern dürfte diese Erfahrung eines der Beispiele für Erziehung zur Verantwortung gegenüber der Allgemeinheit gewesen sein.

Im zweiten, dem kürzesten Teil, erörtert Moltke das Verhältnis der kleinen Gemeinschaften zum Gemeinwesen. Auf allen Verwaltungsebenen des Staatessoll die Selbstverwaltung gelten, Landgemeinde, Kreis, Stadt und Provinz. Die kleinen Gemeinschaften parallel. In einer rein bürokratisch organisierten Verwaltung würden sich die kleinen Gemeinschaften wie ein Fremdkörper ausnehmen. Die Selbstverwaltungseinrichtungen bilden das Gemeinwesen. Diese Einrichtungen erfüllen staatliche Aufgaben, sind jedoch nicht souverän wie der Staat selbst. Die kleinen Gemeinschaften haben keine staatlichen, sondern erfüllen gesellschaftliche Aufgaben. Selbstverwaltungseinrichtungen des Gemeinwesens sind nach dem Territorialprinzip organisiert, die kleinen Gemeinschaften nach dem Personalprinzip. Die Einrichtungen des Gemeinwesens gehören dem öffentliche Recht an, die kleinen Gemeinschaften dem Privatrecht.

Der dritte, ebenfalls nur kurze Abschnitt enthält die erstaunlichste Aussage über die kleinen Gemeinschaften. Politische Parteien werden in diesem Abschnitt, wie im ganzen Text mit keinem Wort erwähnt. Moltke kann sich eine Funktion der kleinen Gemeinschaften vorstellen, die dem entspricht, was freie Wählergemeinschaften und Ortsvereine von politischen Parteien heute in der Kommunalpolitik bei der Aufstellung von Kandidaten für Kommunalwahlen leisten. Er stelle sich vor, „dass die kleinen Gemeinschaften in irgend einer Form zur Willensbildung der Gemeinwesen mit herangezogen werden müssen. Ich gehe weiter davon aus, dass niemand in eine Organstellung in einem Gemeinwesen gelangen kann, der nicht erfolgreich Mitglied einer kleinen Gemeinschaft ist oder war“ (S. 156/157). Er sieht auch sogleich, dass das Territorialprinzip des Gemeinwesen und das Personalprinzip der kleinen Gemeinschaften hierbei zu Problemen führen kann und überlegt eine Lösung.

Im vierten und letzten Teil zieht Moltke die Konsequenz aus den vorausgehenden Überlegungen, besonders aus dem Gedanken der Mitwirkung kleiner Gemeinschaften an der Willensbildung der Selbstverwaltungseinrichtungen im Gemeinwesen. Er fasst die Merkmale der kleinen Gemeinschaften zusammen: 1. Sie sind eine Person des privaten Rechts. 2. Ihr Zweck muss auf mehr gestellt sein als auf die materielle Förderung der Mitglieder. 3. Sie müssen autonom sein und dürfen nicht der Einwirkung anderer Stellen unterstehen. 4. Sie müssen sich einer Kontrolle unterstellen, die über die Einhaltung des Vereinszweckes wacht. 5. Den kleinen Gemeinschaften muss das Recht, an der Willensbildung eines Gemeinwesens teilzunehmen, förmlich zuerkannt werden. Sein Beispiel: Ein Kegelklub, der gleichzeitig staatspolitische Bildung betreibt, hat allein deswegen noch keinen Anspruch auf die Rechte und den Ehrentitel einer kleinen Gemeinschaft. „Es erscheint uns heute Absurd, einer Innung Vertretungsrechte geben zu wollen, während eine Hausgemeinschaft, eine Vereinigung zur Erhaltung einer Bildungs- oder Kultstätte durchaus Ansprüche auf Berücksichtung bei der Bildung des Willens eines Gemeinwesens hat“ (S. 157). Es folgt nach diesem Durchgang eine neue Bestimmung der kleinen Gemeinschaften.

Das Wesen einer kleinen Gemeinschaft besteht darin, eine Anzahl von Menschen zu einem ihnen gemeinsamen Zweck in einer solchen Weise zusammenzufassen, dass sie die Verfolgung ihres besonderen Zweckes als in den Rahmen der grossen Gesamtheit gestellt begreifen und sich für die Entwicklung ihres besonderen Interesses als für einen Teil des Lebens der Gesamtheit verantwortlich fühlen“ (S. 157/158).

Diese Bestimmung trifft auf die Löwenberger Arbeitsgemeinschaft, aber auch auf Einrichtungen zu, wie sie nach dem Zweiten Weltkrieg neu entstanden sind (wie Geenpeace oder „amnesty international“). Moltke war sich darüber im Klaren und damit schließt sein Text, dass die Kriterien für die Anerkennung einer staatlichen Gemeinschaft noch würden in der Erfahrung gefunden werden müssen.


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Der Freiwillige Arbeitsdienst der Regierung Brüning und der Zwangsarbeitsdienst in der NS-Zeit

Die Arbeitslager für Arbeiter Bauern und Studenten in Schlesien müssen unterschieden werden von einem Freiwilligen Arbeitsdienst (FAD), den die Regierung Brüning im Jahre 1931 einführte (Illian 2005, Göbel 2005). Arbeitsdienstpflicht konnte auch als Alternative zur allgemeinen Wehrpflicht angesehen werden (Flügge 1925). Die Maßnahme gegen die verheerende Arbeitslosigkeit Jugendlicher. Die schlesischen Arbeitslager hatten in der Zeit der goldenen Jahre stattgefunden und gehörten nach der Überzeugung der Beteiligten zur politischen Bildung, die sich frei hielt von parteipolitischer Bildung. Die Arbeiten in den Lagern brachten Verdienst ein und waren keine Spielerei, aber sie waren auch keine Maßnahme gegen die Arbeitslosigkeit. Mit dem Zwangsarbeitsdienst der Nationalsozialisten hat die Konzeption der schlesischen Arbeitslager gar nichts zu tun (Hierl 1932), wenngleich es unter den Teilnehmern nicht nur konservativ eingestellte und liberale, sozialdemokratische und kommunistische gab, sondern vereinzelt auch nationalsozialistische. Der Gedanke der Dienste ist durch den nationalsozialistischen Reichsarbeitsdienst völlig diskreditiert worden. Es ist ein Irrtum, wenn man meint, man könne mit Hilfe eines Pflichtdienstes die arbeitslosen Jugendlichen ganz allein und isoliert von anderen Gruppen in der Gesellschaft von der Straße wegholen, wie das auch in den USA vor dem Zweiten Weltkrieg versucht worden war (Preiss 1978).


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Freiwilligendienste und die Stiftung Kreisau für europäische Verständigung

In den Jahren des Aufbaues der Internationalen Jugendbegegnungsstätte ging es unter anderem auch darum, Kreisau nicht als Ort ausschließlich der Jugendbegegnung zu konzipieren. Eine solche Konzeption hätte dem Geist des Kreisauer Kreises widersprochen, und zwar schon vom Tag des 18. September 1927 in Creisau an. Die Löwenberger Arbeitsgemeinschaft sollte Jung und Alt, die politisch Besonnenen aller Richtungen, alle Konfessionen, Akademiker, Handwerker, Bauern, Industriearbeiter zur Lösung der Probleme im Notstandsgebiet zusammenbringen. Eine Frucht der Arbeitsgemeinschaft war zum Beispiel die Gründung eines Mädchenheimes, das den Mädchen aus Waldenburg, Landeshut, Neurode eine Berufsausbildung ermöglichen sollte.

Freya von Moltke erreichte nach der Wende im Jahre 1989 in einem Gespräch mit Bundeskanzler Kohl, dass in den Briefwechsel zwischen dem polnischen und dem deutschen Außenminister aus dem Jahre 1990 die Wendung hineinkam, wonach die Internationale Jugendbegegnungsstätte auch die Generationen zusammenführen solle. Blickt man auf die Löwenberger Arbeitsgemeinschaft zurück, dann hat die Stiftung Kreisau für europäische Verständigung eine breite moralische und rechtliche Grundlage:

Das Wesen einer kleinen Gemeinschaft besteht darin, eine Anzahl von Menschen zu einem ihnen gemeinsamen Zweck in einer solchen Weise zusammenzufassen, dass sie die Verfolgung ihres besonderen Zweckes als in den Rahmen der grossen Gesamtheit gestellt begreifen und sich für die Entwicklung ihres besonderen Interesses als für einen Teil des Lebens der Gesamtheit verantwortlich fühlen“ (S. 157/158).

Sie kann und sollte sich nach Möglichkeit an Diensten beteiligen, die sich den gefährlichen Konflikten von heute stellen und am Aufbau einer Zivilgesellschaft nicht nur in europäischen Ländern mitwirken. Das ist die historische Linie, in der die Löwenberger Arbeitslager zu sehen sind (Rosenstock-Huessy 1965). Über die Chancen solcher Dienste wird Rupert Neudeck, der Gründer der „Grünhelme e. V.“ am Samstag berichten.


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Literatur


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