Andreas Möckel



Helmuth James von Moltke (1907 - 1945)


Inhalt:Vorbemerkung: Recht und Erziehung

I. Mißachtung des Rechts

II. Widerstand

III. Erziehung

IV. Bewährung

Literatur



Vorbemerkung: Recht und Erziehung

Helmuth James von Moltke wurde in der Verhandlung vor dem Volksgerichtshof am 9. und 10. Januar 1945 zusammen mit dem Jesuitenpater Alfred Delp zum Tode verurteilt. Eugen Gerstenmaier, der spätere Bundestagspräsident, und andere erhielten Freiheitsstrafen. Moltke starb am 23. Januar den Märtyrertod, Delp am 2. Februar. Zwischen diesen beiden Todesdaten, am 27. Januar 1945, befreiten Sowjettruppen das Konzentrationslager Auschwitz. Die Freunde Adam von Trott zu Solz und Hans-Bernd von Haeften waren schon im August 1944, Julius Leber und Adolf Reichwein im Oktober 1944 hingerichtet worden.

Der Kreis um Helmuth James von Moltke und Peter Yorck von Wartenburg hatte das Ende der Naziherrschaft vorweggenommen und Grundzüge für den Aufbau nach dem Kriege beraten, "Gedanken, ohne die Absicht der Gewalt" (Moltke, Balfour, Frisby 1975, S. 307). Die weitsichtig angelegte Planung und das Knüpfen von verlässlichen Beziehungen bedeutete für den gesamten, auch für den militärischen Widerstand sehr viel und viel mehr, als der Volksgerichtshof wusste.

Für den Kreisauer Kreis hatten Fragen des Rechts und der Erziehung eine zentrale Bedeutung. Der enge Zusammenhang von Recht und Erziehung lässt sich nicht nur aus Dokumenten des Kreisauer Kreises, sondern auch und noch mehr aus den Briefen und aus dem Leben Moltkes rekonstruieren. Die Frage hieß: Wie kann der geschwächte, abgestorbene Sinn für Gerechtigkeit im deutschen Volk neu belebt werden? Den dunklen Hintergrund bildete die korrupten Herrscher und die korrumpierten Beherrschten, die Recht und Gesetz missachteten.

Mein Vortrag hat vier Teile: 1. Die Missachtung des Rechts begünstigte Hitlers Konterrevolution 2. Der Widerstand begann mit der Wahrung des Rechts 3. Die Erziehung nach dem kriege musste mit der Wiederher­stellung des Rechts beginnen 4. Nur gelebte Grundsätze sind glaubwürdig.


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I. Mißachtung des Rechts

Moltke war schon vor 1933 und erstrecht danach ein Gegner des Nationalsozialismus. Das hatten die Kreisauer mit den Sozialisten gemeinsam, die ebenfalls schon vor 1933 die Gefahr für Recht und Gerechtigkeit erkannten, wenn die Macht den Nationalsozialsten in die Hände fiele. Moltke hatte "Hitler mit seiner Räuberhauptmannsmoral" durchschaut (von Haeften 1974, S. 7), auch wenn er 1932 erst 26 Jahre alt war, als Reichspräsident Hindenburg Brüning fallen ließ und zunächst Franz von Papen, dann General Kurt von Schleicher und schließlich im Januar 1933 Adolf Hitler zum Reichskanzler ernannte. Damals war Moltke Rechtsreferendar. Ihm fiel die schwierige Aufgabe zu, nach dem Tode seines Vaters das väterliche Gut, Kreisau in Schlesien, zu sanieren.

Viele Deutsche erkannten zu spät, dass Hitlers Innen- und Außenpolitik auf Wort- und Vertragsbrüchen basierte. Er zwang die politischen Parteien sich aufzulösen, zerstörte die Gewerkschaften, die schaltete die Bundesstaaten gleich, unterwarf die Presse der Zensur, griff die Kirchen unverhohlen an und ließ die Sozialdemorakten, Kommunisten und Juden vor aller Augen misshandlen und machte sie damit zu Komplizen. Der Geist, der die Ernennung Hitlers zum Reichskanzler möglich machte, ist heute kaum noch zu verstehen. Die politischen Leidenschaften waren siedend heiß und zugleich erkalteten die Empfindungen gegenüber dem Recht. Das Urteilen und Beurteilen nach zweierlei Maß, je nachdem, ob es um die eigenen oder um die Rechte anderer ging, war weit verbreitet. Das giftige Freund-Feind-Denken galt damals vielen innenpolitsch als normal. Der einflußreiche Jurist Carl Schmitt sah darin sogar eine Grundkategorie des Politischen. In diesem stickigen Klima geduld4eten oder halbgeduldeten Unrechts versagte der Stimmzettel-Widerstand und ebenso die Vernunft der Ratgeber Hindenburgs. Ein Ereignis will ich in Erinnerung rufen, das besonders bezeichnend ist.

Hitler hatte im April 1932 als Gegenkandidat Hindenburgs 13,4 Millionen Stimmen errungen. Bei den Reichstagswahlen im Juli 1932 erhielt er 37 % der abgegebenen Stimmen. Als sich im Sommer politisch motivierte Überfälle und Mordanschläge mehrten und als in Altona an einem Sonntag siebzehn Menschen ums Leben kamen, erließ die Regierung Papen eine Notverordnung, nach der politisch motivierte Morde mit Zuchthaus oder mit dem Tode bestraft werden konnten. Kurze Zeit später trampelten SA-Männer in Uniform im oberschlesischen Ort Potempa den polnischen, kommunistischen Arbeiter, Pietrzuch, in dessen Wohnung vor den Augen seiner Mutter zu Tode und verletzten seinen Bruder schwer. Ein Gericht in Beuthen verhängte Todesurteile.

Hitler telegraphierte den SA-Männern und ließ sein Telegramm veröffentlichen: "Meine Kameraden, angesichts dieses ungeheuerlichsten Bluturteils fühle ich mich mit euch in unbegrenzter Treue verbunden. Eure Freiheit ist von diesem Tage an eine Frage unserer Ehre. Der Kampf gegen eine Regierung, unter der dies möglich war, unsere Pflicht" (Gebhardt IV, S. 175, Eyck 1960, Il, Seite 515). Dieses schamlose Bekenntnis zum Verbrechen diskreditierte ihn bei vielen Wählern nicht. Bei den Novemberwahlen erhielt er immer noch 33 % der Stimmen. Goebbels notierte in seinem Tagebuch: "Im Lande Proteststurm gegen die Beuthener Todesurteile ... Nun ist die Stimmung wieder auf dem Höhepunkt. Ich schreibe einen schneidenden Aufsatz unter dem Stichwort: ‚Die Juden sind schuld!’" (Goebbles 1992, S. 686/87). Von Papen wandelte die Todesurteile in Zuchthausstrafen um und hielt wenige Monate später Hitler trotzdem noch für regierungsfähig.

Ein Gegenbeispiel: Der fränkische Vikar Karl Steinbauer gab nach dem Mord in Potempa sein NS-Parteibuch mit den Worten zurück: "Um der Gerechtigkeit willen bin ich 1929 in die Partei eingetreten. Aus dem gleichen Grunde trete ich jetzt wieder aus". Wenige Jahre später kam er aus nichtigen Gründen für ein halbes Jahr in ein Konzentrationslager.

Moltkes Mutter, schottischer Herkunft und Tochter des Obersten Richters in Südafrika, schrieb an ihre Eltern: "Helmuth hat alle Freude an seiner Arbeit am Kammergericht verloren, denn sogar dort wird ‚rechtes Gericht’, wie die Bibel sagt, nicht mehr gesprochen, und er und Freya und Hunderte von anderen Rechtsstudenten sagen: Warum sollen wir etwas lernen, was einige Monate später nicht mehr gültig ist" (Moltke, Balfour, Frisby 1975, S. 55/56). Moltke vermerkte bitter: "Die alte Jurisprudenz, die ich gelernt habe und die von einem Begriff abstrakter Gerechtigkeit und Menschlichkeit ausgeht, ist heute nur noch von historischem Interesse; denn wie sich auch immer die Dinge in Deutschland entwickeln mögen, für die nächste Zeit ist mit einer Wiederkehr dieser alten Rechtsfindungsmethoden nicht zu rechnen. Sie sind zwar durch die Jahrhunderte erprobt und gefestigt, jedoch sie sind so gründlich eingerissen worden, dass Jahrzehnte wenigstens daran zu arbeiten haben werden, um sie wieder unter dem Schutt hervorzuholen" (S. 56).

Im Juni 1934 ließ Hitler ehemalige Gefährten der SA ermorden, weil sie ihm politisch gefährlich zu werden schienen. Ermordet wurden ferner der Zentrumspolitiker Erich Klausener, Edgar Jung, ein Mitarbeiter Papens, und der Reichskanzler a. D. Kurt von Schleicher und seine Frau. Der schon erwähnte Carl Schmitt rechtfertigte die Morde der braunen Todesschwadrone öffentlich (Schmitt 1934). Hitler habe, als er die Morde befahl, das Recht geschützt.

Als Hindenburg starb, übernahm Hitler sein Amt. Die Soldaten der Reichswehr ließ er auf seine Person vereidigen, – lauter Rechtsverletzungen. Die Proteste unterblieben vermutlich schon damals auch aus Angst, nicht nur aus blinder Autoritätsgläubigkeit aus. Die Nürnberger Unrechtsgesetze und die Zerstörung der Synagogen in der Nacht zum 9. November 1938 fanden in der Mehrheit der Bevölkerung keine Zustimmung, aber sie riefen keinen Widerstand hervor. Auch die heimtückischen Morde an geistig behinderten Menschen und an Geisteskranken während des Krieges machten Schaudern, aber nur wenige protestierten, wie zum Beispiel der Jurist Lothar Kreyssig und die Bischöfe Theophil Wurm und Graf von Galen. Ärzte und Verwaltungsbeamte passten sich an, blieben stumm oder machten mit. Viele empörten sich, schwiegen aber.

Es hieß in der Öffentlichkeit, Sozialdemokraten und Kommunisten seien Staatsfeinde, ehemalige Parteigänger in der SA Verräter. Die Ermordung geistig behinderter Menschen und Menschen jüdischer Herkunft verschleierte man. Die Machthaber wussten, dass sie das Recht brachen und die Weltöffentlichkeit täuschen mussten. Die Naziherrschaft in Deutschland war gekennzeichnet von einer zwielichtigen Duldung des von Staat und NS­-Partei begangenen Unrechts und von erstickten Gewissensregungen. Die Mentalität der Mitmacher empörte Moltke. Es sei, schrieb er im November 1941 an seine Frau, rasend mühsam gewesen, "die anständigen Leute auf eine Linie zu bringen". Er habe zwei Nächte sehr wenig geschlafen, "weil ich so um drei bereits erwachte und an die Juden und Russen dachte" (Moltke, Balfour, Frisby 1975, S. 174). Er kam im Brief auf einen Bekannten zu sprechen, den die Nachrichten von den Verbrechen der Soldaten in den besetzten Gebieten erschüttert hatten. "Er war völlig gebrochen. Aber denkst Du, jetzt fühlt er die Verpflichtung, etwas zu tun, um den Unrat zu beseitigen, der mit seiner Hilfe angesammelt worden ist? Weit gefehlt! . . . Und wenn ich ihn etwa daran erinnerte, dass ich ihm genau das, was er jetzt sieht, in den ersten Kriegsmonaten und vor Kriegsausbruch gesagt habe, und dass er mir erwiderte: ‚Dann sorge mal für eine optimistischere Auffassung in deinen Kreisen’, so wird er meine damalige Diagnose immer noch für etwas halten, was kein patriotischer Mann denken, geschweige denn aussprechen darf" (Moltke, Balfour, Frisby 1975, S. 174).

Helmuth James von Moltke verdankt seinen weiten politischen Horizont unter anderem auch dem Studium im Ausland. Er erwarb sich das Recht, als Rechtsanwalt (Barrister) vor englischen Gerichten aufzutreten. Vor dem Krieg arbeitete er in einem "Institut für ausländisches Recht und Völkerrecht". Das Institut wurde zu Beginn des Krieges in die Ausland-Abwehr des Oberkommandos der Wehrmacht unter der Leitung von Admiral Wilhelm Canaris aufgenommen. Moltke bearbeitete Fragen des internationalen Rechts. Von dieser Position aus knüpfte er Beziehungen zu Gleichgesinnten.


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II. Widerstand

Moltkes Aufgabe war es, die Grundsätze des Völkerrechts in der Wehrmacht zur Geltung zu bringen. Das konnte allerdings nur durch Gutachten geschehen. Ein Beispiel für die Schwierigkeiten und für die Größenordnung der Aufgaben, mit denen er es zu tun hatte, war die Situation der deutschen Gefangenen in Rußland, der russischen in Deutschland. Die Sowjetunion war der Haager Konvention von 1907 und der Genfer Rote­Kreuz-Konvention von 1929 formell nicht beigetreten. General Wilhelm Keitel ordnete an, Russen ohne vorherige Aburteilung zu erschießen, wenn sie deutsche Unternehmen behinderten. Politische Kommissare waren zu "liquidieren". Die deutsche Propaganda verbreitete, die Sowjetarmee mache keine Gefangenen, was nicht stimmte. Moltke konnte nachweisen, daß die Sowjetunion ihre Armeeoffiziere anhielt, die Genfer Rotekreuz­Konvention zu beachten. Er forderte im Interesse der deutschen Gefangenen, das Internationale Rote Kreuz einzubeziehen, und konnte seiner Frau schreiben: "In der Gefangenensache hat sich mein Hauptgegner, General Reinecke, endlich gezwungen gesehen vorzuschlagen, dass das Rote Kreuz sich um die Betreuung deutscher, in Kriegsgefangenschaft geratener Soldaten bemüht; die Folge muss sein, dass wir das Rote Kreuz auch zu uns hereinlassen und damit unsere Methoden ändern..." (Moltke, Balfour, Frisby 1975, S. 170). Ein andermal schrieb er seiner Frau, es sei ihm eine Befriedigung zu denken, "wie viele nichtdeutsche Frauen die Weiterexistenz ihrer Männer Deinem Mann verdanken" (S. 118). Es waren die zum Himmel schreienden Rechtsverletzungen, die die Männer und Frauen des Kreisauer Kreises zusammenführten.

Der niederländische Historiker Ger van Roon (1985, S. 561) unterscheidet in der Geschichte der Kreisauer sechs Phasen.

1) Mitte 1938 bis Mitte 1940: Vorgeschichte, Bildung von Gruppen um Moltke und Yorck von Wartenburg und erste Auslandssondierungen.

2) Zweite Hälfte 1940: Grundlagendiskussionen zwischen Moltke, Yorck, Horst von Einsiedel und Otto Heinrich von der Gablentz und erste Wochenendbesprechungen in Kreisau.

3) Ende 1940 bis Ende 1941: Fühlungsnahme mit Repräsentanten der Kirchen und der Sozialdemokratie, Bischof Konrad Graf von Preysing, Jesuiten-Provinzial Augustin Rösch, Harald Poelchau, Carlo Mierendorff, Theo Haubach, Erweiterung der Kontakte.

4) Ende 1941 bis Mitte 1943: programmatische Phase, Kreisauer Tagungen, Verbindung mit Widerstandsgruppen in besetzten Gebieten und mit westlichen Alliierten.

5) Zweite Hälfte 1943: organisatorische Phase, Ausarbeitung der Weisungen an die Landesverweser, Pläne für eine Übergangsregierung, geleitet vom Militärbefehlshabern in Frankreich und Belgien, General Alexander von Falkenhausen.

6) 6. Januar bis Juli 1944: Auseinanderfallen des Kreises nach der Verhaftung Moltkes, Annäherung mehrerer Kreisauer an Stauffenberg, Kontaktversuche mit Kommunisten.

Zum engeren Kreis zählte van Roon (1967) neunzehn Teilnehmer. Unter ihnen befanden sich auffallend viele Juristen. Freya von Moltke führt in der Biographie 53 Unterredner von Besprechungen an (Moltke, Balfour, Frisby 1975, S. 191/192). Als sich nach Kriegsbeginn endgültig herausstellte, dass die Offiziere Hitler nicht entmachten würden, kamen die Bemühungen Moltkes und Yorcks in ein neues Stadium. Nach van Roon im Stadium zwei. Die äußeren Anzeichen deuteten 1940 nicht auf einen Machtverfall Hitlers hin. Nach der Niederlage Frankreichs schrieb Moltke an Einsiedel, an frühere Gespräche anknüpfend:

"Heute ist die Lage anders. Die Verhältnisse werden uns nicht zu Hilfe kommen, und wir werden sie erst meistern, nachdem wir uns über sie klar geworden sind und sie innerlich bezwungen haben. Wir sind vom Umschwung noch so weit entfernt wie Voltaire von der Französischen Revolution als er sich zur Übung machte, seine Briefe mit den Worten zu schließen: ecrasez l'infäme [= rottet die Schändliche aus]. Wie lange muss ihm damals der Weg erschienen sein, und wie kurz erscheint er uns heute, der Weg zwischen geistiger Überwindung und tatsächlichem Umschwung. Damit muss man sich trösten und neu denken" (S. 127). Neu denken, - das war es, was getan werden konnte, nachdem die Inhaber der militärischen Macht die Entmachtung Hitlers nicht mehr wagten.

Wie das Ansprechen von Gleichgesinnten vor sich ging, hat Carlo Schmid, einer der Väter des Grundgesetzes, in seinen Erinnerungen beschrieben. Er referierte 1941 in Berlin auf einer Konferenz zu Rechtsfragen in besetzten Gebieten. "Nach meinem Referat kam während der Mittagspause ein Herr in Zivil auf mich zu, der mir schon während meines Vortrages aufgefallen war: ein hochgewachsener, schlanker Mann, dessen schmales Angesicht Noblesse und Geist ausdrückte. Er stellte sich vor: ‚Helmuth Moltke’, und fragte mich: ‚Wollen Sie mit mir nach Hause kommen? Wir können dort essen und ein wenig plaudern. Ich meine, daß wir einander einiges zu sagen haben könnten’... Bei Tisch fing er an, sich mir zu eröffnen ... Es war kein Gespräch unter Verschwörern, aber eines zweier Patrioten, die glaubten, um der Zukunft ihres Volkes willen sei es notwendig, den heute besiegten ... Völkern ... menschlich zu begegnen" (Schmid 1980, S. 199). Nach dem ersten Kontakt besuchte Moltke Schmid in Frankreich und hielt über Oberleutnant Werner von Haeften, dem Bruder Hans-Bernd von Haeftens und späteren Adjutanten Stauffenbergs, die Verbindung. Nach der Niederlage von Stalingrad wurde Moltke gegenüber Schmid deutlicher: "Was wir da miteinander bereden, ist für Herrn Freisler Hoch- und Landesverrat" (S. 201).


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III. Erziehung

In Kreisau fanden während des Krieges drei größere Zusammenkünfte statt. Die erste, vom 22. bis 25. Mai 1942, war Erziehungs- und Hochschulreformfragen gewidmet. Adolf Reichwein und Moltke referierten. Im Zusammenhang damit standen Fragen des Staatsaufbaus und des Verhältnisses von Staat und Kirche. Zwischen den Sozialdemokraten und den Vertretern der Kirchen bestanden erhebliche Gegensätze, zum Beispiel in der Frage "Simultanschule oder Konfessionsschule".

Diese Teilfragen waren der einen großen Frage untergeordnet, nämlich der Wiederherstellung von Gerechtigkeit, Maß, Verantwortung. Schon im Dezember 1940 schrieb Moltke: "Vor uns steht vielleicht nur die eine Aufgabe: das Chaos bei uns zu meistern. Gelingt uns das, dann haben wir eine Periode des Friedens, des sicheren Friedens vor uns, die unsere längste Lebenszeit überdauert" (Moltke, Balfour, Frisby 1975, S. 143). Chaos, das waren nicht nur die furchtbaren Menschenopfer und Zerstörungen in ganz Europa, sondern auch die Vernichtung orientierender Maßstäbe. Moltke nannte in einem Brief vom 18. April 1942 an den englischen Freund Lionel Curtis die Zahl der zum Tode verurteilten Deutschen. Es seien täglich 25, vor Kriegsgerichten mindestens 75. "Gleichzeitig ist der größte Teil der Bevölkerung entwurzelt, zur Zwangsarbeit eingezogen und über den ganzen Kontinent verstreut. Dadurch sind alle Bande der Natur und der Umgebung zerrissen, das Tier im Menschen ist frei geworden und herrscht . . . Tausende von überlebenden Deutschen werden geistig tot und für eine normale Betätigung unbrauchbar sein" (S. 184/85). In diesem Brief stehen die oft zitierten Sätze: "Für uns ist Europa nach dem Krieg weniger eine Frage von Grenzen und Soldaten, von komplizierten Organisationen oder großen Plänen. Europa nach dem Krieg ist die Frage: Wie kann das Bild des Menschen in den Herzen unserer Mitbürger wiederhergestellt werden? Das ist eine Frage der Religion, der Erziehung, der Bindungen an Arbeit und Familie, des richtigen Verhältnisses von Verantwortung und Rechten" (S. 185). Die vier Bereiche stehen in enger Beziehung zueinander.

Ähnlich beurteilte Alfred Delp das Ausmaß der Verrohung und Veräußerlichung. Der gegenwärtige Mensch sei weithin nicht nur gott-los, sondern gottes-unfähig. Er habe sich ein Bild seiner selbst gebildet, auf dem er sich nur noch als ens vegetativum et sensitivum sehe. "Verstand, Vernunft, Gemüt sind eigentlich nur noch Larven zur Intensivierung des Faktischen" (Delp 1985, S. 312). Auch in den von Reichwein mitbearbeiteten Kreisauer Dokumenten zur Erziehung, werden Recht und Rechtlichkeit mehrfach betont (Reichwein 1978, S. 188 und 191). Ein Text des Kreisauer Kreises widmete sich ausdrücklich der schwierigen Frage, was nach dem Krieg mit den Rechtsschändern geschehen solle (van Roon 1967, S. 553 - 560).

Wiederherstellung des Bildes des Menschen in den Herzen der Mitbürger hieß, den Sinn für Recht und Unrecht zu wecken. Das geht aus den Briefen Moltkes klar hervor. Seinem Vorgesetzten Leopold Bürkner sagte er zu einem Mordbefehl Hitlers: "Sehen Sie, Herr Admiral, der Unterschied zwischen uns ist der, daß ich über solche Fragen nicht argumentieren kann. Solange es für mich Befehle gibt, die durch keinen Führerbefehl aufgehoben und denen auch gegen einen Führerbefehl Folge geleistet werden muss, kann ich solche Sachen nicht durchgehen lassen, denn für mich steht eben der Unterschied zwischen Gut und Böse, Recht und Unrecht a priori fest. Das ist kein Gegenstand von Zweckmäßigkeit der Argumente" (Moltke, Balfour, Frisby 1975, S. 201).

Soldaten vergalten in den besetzten Gebieten Sabotageakte überhart, Sie erschossen Geiseln und vernichten die Bewohner ganzer Ortschaften zu (S. 171). Die Bekannte eines Freundes hatte 1941 einem auf der Straße einem Misshandelten aufhelfen wollen, der auf der Straße zusammengebrochenen war. Ein Polizist trat dazwischen und stieß den Erschöpften in den Straßengraben; "...dann wandte er sich mit einem Rest von Schamgefühl an die Dame und sagte: ‚So ist es uns befohlen’" (S. 171). Solche Anweisungen aus der Kanzlei Hitlers entmenschlichten Tausende. Erziehung hat die Aufgabe, menschlich zu machen. In der NS-Zeit schwächten staatliche Befehle den Sinn für "Gut" und "Böse" und schufen politische und gesellschaftliche Strukturen, in denen Rechtsverletzungen vielen Menschen als normal galten.

Johann Friedrich Herbart, dessen Pädagogik über ein Jahrhundert lang die deutschen Schulen bestimmte, schrieb in einer Jugendschrift ganz im Sinne Kants: "Aber nicht jeder Gehorsam gegen den ersten besten Befehl ist sittlich. Der Gehorchende muß den Befehl geprüft, gewählt, gewürdigt – das heißt, er selbst muß ihn für sich zum Befehl erhoben haben. Der Sittliche gebietet sich selbst" (Herbart 1804, S. 62). Welch ein Zeitgeist, wenn Moltke mit der Verschärfung des Krieges die Gefahr der Verrohung sogar bei sich selbst sah! "Wenn ich nur das entsetzliche Gefühl loswerden könnte, daß ich mich selbst habe korrumpieren lassen, daß ich nicht mehr scharf genug auf solche Sachen reagiere, daß sie mich quälen, ohne daß spontane Reaktionen entstehen ..." (Moltke, Balfour, Frisby 1975, S. 172).

Während seiner Studienzeit hatte er außerhalb der Universität Anteil an zwei lebendigen Kreisen, in denen es um soziale und um Erziehungsfragen ging, die sich verschränkten. Das eine war der Kreis um Dr. Eugenie Schwarzwald in Wien, Begründerin mehrerer Wohlfahrtsorganisationen. Sie richtete während der Inflationszeit in Berlin Volksküchen für Bedürftige ein. Sie sammelte einen Kreis von aufgeschlossenen, politisch weitblickenden jungen Menschen um sich. Hier lernte Moltke seine Frau Freya, geb. Deichmann kennen.

Die andere Initiative war die Löwenberger Arbeitsgemeinschaft, an deren Zustandekommen Moltke aktiv beteiligt war. Unter den Personen, denen er im Kriege voll vertraute, waren mehrere Freunde aus dieser Zeit. Als Zwanzigjähriger hatte er mit seinem Vetter Carl Dietrich von Trotha, Horst von Einsiedel, Adolf Reichwein, Hans Peters und anderen zur Behebung der Not im Bergbaugebiet um Waldenburg zusammengearbeitet. Am 18. September 1927 fand in Creisau eine Zusammenkunft statt. Das Protokoll nennt sechs Personen: Prof. Dr. von Schulze-Gaevernitz, Prof. Dr. E. Rosenstock-Hüssy, Reg. Ass. Dr. Peters, Helmuth James von Moltke, Horst von Einsiedel, Carl Dietrich von Trotha.

Die Löwenberger Arbeitsgemeinschaften zielten auf soziale Analysen und auf praktische Hilfe im Rahmen der Erwachsenenbildung. Trotz sozialer und weltanschaulicher Unterschiede verband diese lokale Initiative, die in einem universellem Horizont stand, die Teilnehmer eng. Während des Krieges ging es auf einer ganz anderen existenziellen Ebene darum, "das Chaos zu meistern". In einem Kreisauer Dokument faßte Moltke zusammen, was er und Yorck von Wartenburg in Gesprächen und Briefen zum Verständnis des Staates erarbeitet hatten. Der deutsche Staat war nach 1933 zur Quelle schlimmster moralischer Korruption geworden.

"Es ist der Sinn des Staates, Menschen die Freiheit zu verschaffen, die es ihnen ermöglicht, die natürliche Ordnung zu erkennen und zu ihrer Verwirklichung beizutragen." Moltke benützt an zentraler Stelle einen paradoxen Begriff: natürliche Ordnung. Paradox ist der Begriff deswegen, weil menschliche Ordnungen niemals bloß natürlich sind, sondern immer geschichtlich und rechtsbestimmt. Die "natürliche Ordnung" beschränkt die Freiheit des Einzelnen. "Die Macht, die eingesetzt wird, um meine Willkür zwangsweise einzuschränken, erkenne ich als rechtmäßig an" (In: van Roon 1967, S. 500). Natürliche Ordnung lasse sich nicht definieren, wohl aber ließen sich einzelne Wesensmerkmale beschreiben. "So gehört zur natürlichen Ordnung die körperliche Unversehrtheit des Menschen, Ehrfurcht vor allen anderen Menschen, vor deren geistiger und körperlicher Existenz, Ehrfurcht vor der belebten und unbelebten Natur. Es gehört dazu die Erkenntnis, daß der Grad der Freiheit verschieden sein muß, je nach der Stellung des Menschen im Rahmen seiner Verantwortung; ein Kind muß zu seinem Schutze geringere Freiheit haben als ein Erwachsener. Das alles sind die Dinge, die unzweifelhaft richtig sind, ohne daß es nötig wäre, sie zu beweisen" (Van Roon 1967, S. 500).

Je größer die Einsicht in die natürliche Ordnung, so Moltke, um so weniger seien Eingriffe von außen nötig. "Höhere Erkenntnis ermöglicht Verminderung der Machtanwendung, verminderte Machtanwendung erhöht die Erkenntnis." Es sei Aufgabe der Jugend- und Erwachsenenerziehung, die Erkenntnis der natürlichen Ordnung zu vergrößern. Wie kann das geschehen? "Die Betätigung an der Ordnung vermittelt Erkenntnis" (S. 501). In der Mitwirkung an der Staatsorganisation kann der Einzelne seine Erkenntnis der "natürlichen Ordnung", die eine erfahrene, genossene Vernunftordnung ist, beweisen. Hans Mommsen meint: "Moltkes Konzept der ‚Kleinen Gemeinschaften’, das den Schlüssel zum Verständnis der Kreisauer Pläne abgibt, ist ebensosehr ein eigenwilliges, subjektive Erfahrungen verallgemeinerndes und utopisches Konstrukt wie ein faszinierender philosophischer Ansatzpunkt zur radikalen Neubestimmung des Wesens der Politik als unverzichtbarer Dimension menschlicher Existenz". Der Gedanke ist weder utopisch, noch allein die Verallgemeinerung subjektiver Erfahrung.

Er erinnert an die Lehre Johann Heinrich Pestalozzis von der Bedeutung der nächsten Verhältnisse, die dieser auch politisch fruchtbar machen wollte (Barth 1954, S. 133). Wahlmänner sollten Wahlmänner wählen, meinte Pestalozzi, und hoffte damit der Demagogie begegnen zu können. Jeder Mensch überschaue einen Kreis von Personen, aus denen er einen Vertrauenswürdigen auswählen könne. In der "natürlichen Ordnung" wird die menschliche Gegenseitigkeit politisch erfahrbar. Es geht in den kleinen Gemeinschaften nicht bloß um menschliche Beziehungen, sondern um Gegenseitigkeit von Menschen in Verantwortung.

Hier wird ein Motiv deutlich, warum die Kreisauer das Recht auf Arbeit forderten, in der sich jeder beweisen muss. Vor der politischen Betätigung im Staat muss die Bewährung in kleinen Gemeinschaften stehen. Wie sollen Menschen eine Erkenntnis der "natürlichen Ordnung" erlangen, wenn sie sich nicht nach Kräften an der Erstellung und Aufrechterhaltung der politischen und der Wirtschaftsordnung beteiligen können? Die Verwilderung in Fragen von Gut und Böse, Recht und Unrecht, kann nur ausheilen, wenn die Verhältnisse, in denen die Menschen leben, das zulassen. Was erziehlich für die politische Urteilskraft herauskam, wenn man Menschen langer Arbeitslosigkeit überließ, hatte die Weltwirtschaftskrise gezeigt.

"Ich gehe also davon aus, daß es für eine europäische Ordnung – wobei ich diesen Begriff zunächst ohne Definition gebrauche – erforderlich ist, daß in jedem Einzelnen das Gefühl der Verantwortung für alles, was geschieht, geweckt wird; daraus folgt, daß ich die Verwaltungsorganisation für die beste halte, die dem Einzelnen den weitesten Spielraum für die Betätigung seines Verantwortungsgefühls und seines Dranges, anderen nützlich zu sein, gewährt, und daß auch außerhalb des reinen Verwaltungssektors mir eine Gesellschaftsordnung mit einer möglichst großen Zahl möglichst kleiner Gemeinschaften das erstrebenswerte Ziel zu sein scheint" (Moltke 1939, in van Roon 1986, S. 155/6).

Was Moltke mit natürlicher Ordnung bezeichnet, hat jedoch noch eine weitere Bedeutung. Einsicht in die "natürliche Ordnung" ist die Erfahrung der Heilkraft von friedlicher Inseln. Der paradoxe Begriff "natürliche Ordnung" weist auf eine paradoxe Aufgabe hin, nämlich auf die Erziehung zum Frieden, die nur im Frieden gelingen kann. Oder anders: Befriedete Lebensverhältnisse sollen aufrecht erhalten werden, die erst noch zu schaffen sind. Für diese Aufgabe ist dem Staat die Macht verliehen, die Willkür des Einzelnen auf die Freiheitssphäre einzuschränken.

Die Erziehung zur Einsicht in die Bedeutung des Friedens war die große Aufgabe der Erwachsenenbildung in den zwanziger Jahren. Rosenstock-Huessy, bis 1933 Professor in Breslau, gehörte zum Hohenrodter Bund, Adolf Reichwein, persönlicher Referent des preußischen Kultusministers Heinrich Becker, kam aus der Erwachsenenbildung der Arbeiterbewegung. Die Löwenberger Arbeitslager waren von Rosenstock-Huessy, Adolf Reichwein und anderen im Bewußtsein der Gefährdung der Demokratie eingerichtet und getaltet worden. Moltke erwähnt die Arbeitslager in seinem Abschiedsbrief vom 11. Januar 1945 ausdrücklich. Er sah sie in der Linie, die zum Widerstand gegen das Unrecht in der Nazizeit hingeführt hatte.

Das ist nicht in platter Weise zu verstehen, als hätte durch Erziehung von Kindern oder jungen Erwachsenen die Gesellschaft in der nächsten Generation verbessert werden sollen. Von Illusionen hinsichtlich der Kraft der Erziehung zur Heilung versehrter politischer Verhältnisse waren Moltke, Reichwein, Einsiedel, Trotha und Rosenstock­Huessy in der Zeit der Weimarer Republik frei. Das gilt erstrecht für die Männer und Frauen des Kreisauer Kreises im Kriege. Es war ihnen klar, daß die Rahmenbedingungen der Erziehung politisch geschaffen werden müssen, wenn die "natürlichen Ordnungen" und die Chancen zum Wandel in Frieden erfahren werden sollen.

Eugen Rosenstock-Huessy arbeitete 1939, damals schon sechs Jahre lang in den Vereinigten Staaten, die Bedeutung der Sozialerfahrung des Friedens heraus: "Ohne Erfahrung und Bewußtsein des Friedens, der dem menschlichen Verstehen als eine primäre Tatsache vorausgeht, bleibt all unser Lernen Stückwerk. Wenn wir das im Auge behalten, wird der Leser leicht verstehen, warum diejenigen jungen Deutschen, die zwischen 1914 und 1923 keinen Frieden erfuhren, unfähig waren, durch die alte deutsche Lehre erzogen zu werden. Die Prämisse war nicht da, die in früheren Jahren stillschweigend auf dem Grunde des Gewissens und des Bewußtseins jedes Studenten vorhanden war. Anarchie, Dekadenz, Krieg und Revolution zerstörten das gesellschaftliche Lehren ebenso wie die Gesellschaft oder noch mehr als die Gesellschaft. Der Leser wird auch verstehen, warum ich selber zwischen 1919 und 1933 versucht habe, jeden jungen Deutschen in eine Lage zu versetzen, in der Frieden und Kameradschaft erfahren werden konnten, bevor auch nur ein Wort der Deutung zu ihnen gesprochen wurde" (Rosenstock-Huessy 1988, S. 311).

Bitte vergleichen Sie damit einen Brief, den Moltke 1940 an seine Frau schrieb. Ihr war vorgeworfen worden, in Kreisau stecke man den Kopf in den Sand: "Zur Frage des Kopf-in-den-Sand-Steckens, was wir angeblich in Kreisau betreiben, habe ich folgendes zu sagen: Es ist unsere Pflicht, das Widerliche zu erkennen, es zu analysieren und es in einer höheren, synthetischen Schau zu überwinden und damit für uns nutzbar zu machen. Wer davor wegsieht, weil ihm entweder die Fähigkeit fehlt, zu erkennen, oder die Kraft, das Erkannte zu überwinden, der steckt den Kopf in den Sand. Ob man aber Einzelheiten in sich aufnimmt, ob man sie diskutiert, ob man sie am Donnerstag oder Freitag erfährt, ist vollkommen gleichgültig. Im Gegenteil, die Sucht, die Einzelheiten zu erfahren, führt dazu, daß man darauf zuviel Gewicht legt und darüber die genau so wichtige Aufgabe übersieht, diese Tatsache zu sublimieren und in ihr richtiges Verhältnis zu bringen. Wenn man hinter diesen Einzelheiten herjagt, dann hat man auch nicht die Kraft zu ihrer Überwindung. Daß die Fähigkeit zur Überwindung in einer friedlichen Atmosphäre größer ist als in einer gehetzten, ist sicher, und jeder, der um sich diese friedliche Atmosphäre zu verbreiten imstande ist, ist ein lebendiger Träger und Antreiber in der richtigen Richtung. Frieden ist etwas anderes als compacency (Selbstzufriedenheit). Wer, um sich den äußeren Frieden zu erhalten, schwarz weiß sein läßt und böse gut, der verdient den Frieden nicht, der steckt den Kopf in den Sand. Wer aber jeden Tag weiß, was gut ist und was böse, und daran nicht irre wird, wie groß auch der Triumph des Bösen zu sein scheint, der hat den ersten Stein zur Überwindung des Bösen gelegt. Darum ist die Atmosphäre des Friedens von ungeheuerer Wichtigkeit, und man muß sie nicht gefährden" (Moltke 1988, S. 142/3).

Hier schließt sich der Kreis. Moltke lebte aus dem Frieden. Deswegen konnte er Gut und Böse scharf unterscheiden. Im Abschiedsbrief an die Söhne steht, er habe sein "ganzes Leben lang, schon in der Schule, gegen den Geist der Enge und Gewalt, der Überheblichkeit, der Intoleranz und des Absoluten, erbarmunglos Konsequenten angekämpft, der in den Deutschen steckt und der seinen Ausdruck in dem nationalsozialistischen Staat gefunden hat. Ich habe mich auch dafür eingesetzt, daß dieser Geist mit seinen schlimmen Folgeerscheinungen wie Nationalismus im Exzeß, Rassenverfolgung, Glaubenslosigkeit, Materialismus überwunden werde" (van Roon 1967, S. 315).


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IV. Bewährung


Es sind Warnzeichen, wenn 1986 im sogenannten "Historikerstreit" bedenkliche Relativierungen auftauchen und 1993 ein deutsches Gericht einem Neonazi Charakter bescheinigt, obgleich dieser schamlos aus Schwarz Weiß macht und die Nazi-Verbrechen in den Konzentrationslagern in der Öffentlichkeit leugnet. Heute müssen in Deutschland Synagogen bewacht werden, damit der Sabbat gefeiert werden kann. Nach 1945 fehlten Männer, wie Moltke, Adam von Trott, Hans-Bernd von Haeften, Alfred Delp, Adolf Reichwein, Theodor Haubach, Julius Leber, Carlo Mierendorff, im begonnenen politisch gesellschaftlichen Heilungsprozeß, der noch nicht abgeschlossen ist. Dan Bar-On, ein Psychologe und Dozent an der Ben-Gurion Universität, führte Gespräche mit Kindern von Nazi-Tätern, die zeigen, welch eine Last auf den Generationen liegt. Jahrzehnte werde es dauern, so hatte Moltke nach 1933 geschrieben, um die erprobten Methoden der Rechtsfindung unter dem Schutt der nationalsozialistischen Konterrevolution von 1933 auszugraben. Das ist ein programmtisches Wort. Als Millionen Deutsche sich 1932 in den Wahlen zum Amt des Reichspräsidenten mit einem ethisch entleerten Willen zu nationaler Macht identifizierten und Hitlers Kandidatur damit gut hießen, war das ein Verrat an den Toten des Weltkriegs von "kosmischem Umfang" (Rosenstock-Huessy 1958, S. 66).

Wer den Geisteskampf Moltkes würdigen will, muß ihn in diesem Zusammenhang sehen. Freya von Moltke hat davor gewarnt, die Toten heilig zu sprechen. Ihre Warnung soll davor bewahren, die den Nachkriegsgenerationen aufgegebene Aufgabe zu übersehen oder zu vergessen. Ich erinnere an den eingangs zitierten Brief des sechsundzwanzigjährigen Moltke, die Widerherstellung der erprobten Methoden der Rechtsfindung werde Jahrzehnte dauern. Damit eine Rückkehr zu "rechtem Gericht" stattfindet und die Erziehung zur Gerechtigkeit nicht äußerlich bleibt, müssen mehrere Generationen sich zur Zusammenarbeit verstehen. Als Moltke den Kreis um sich sammelte, legten er und seine Freunde durch ihr Zeugnis den Grund dafür. Sie sagten sich vom Verrat Hitlers an den Juden und von allen seinen anderen Vertrags- und Wortbrüchen los, als er sich außenpolitisch noch im Aufstieg befand.

In seinem Abschiedsbrief schrieb Moltke: "Durch diese Personalzusammenstellung ist dokumentiert, daß nicht Pläne, nicht Vorbereitungen, sondern der Geist als solcher verfolgt werden soll" (Moltke, Balfour, Frisby 1975, S. 308). Moltke ließ sich vom Geist des Friedens nicht abspalten. In seiner Antwort auf den Vorwurf, in Kreisau stecke man den Kopf in den Sand, wird das klar. Der Geist des Friedens ist ökumenisch und planetarisch. Moltke suchte bewusst Vertreter aus beiden großen Konfessionen und brachte sie außerdem zusammen mit Sozialisten. Er gründete die Beziehungen auf menschliche Verbindungen in Europa und in den Vereinigten Staaten, die das Nationale weit überstiegen.

Rosenstock-Huessy würdigte den Kreisauer Kreis in einem Vortrag an der Pädagogischen Hochschule Dortmund mit den Worten: "Wenn wirklich für Sie in der Zeit von 1933 bis 1945 keine Name zu finden sein sollte, der des Nennens wert wäre, dem Sie Ihre Anerkennung zu zollen hätten und den Sie so Zukunft hervorrufend weiterzugeben wagen, dann hat das deutsche Volk aufgehört, eine Geschichte zu haben ... Es ist Ihre Lebensfrage, ob Sie sie auch in der Zeit von 1933 bis 1945 in Ihrem Volke vorzufinden vermögen. An Ihrer Stellung zu diesem 20. Juli 1944 entscheidet es sich, ob Sie Ahnen für Ihr Deutschtum haben können" (Rosenstock-Huessy 1958, S. 91). Das klingt zugespitzt, wenn man jedoch bedenkt, dass der deutsche Widerstand außenpolitisch eine große, innenpolitisch in Deutschland lange Zeit eine geringe Wirkung hatte, muss man diesem Wort aus dem Jahre 1956 zustimmen. Rosenstock-Huessy bekräftigte es 1965 noch einmal:

"Im Augenblick ihrer Hinrichtung waren Helmuth James von Moltke und seine Freunde die einzige legitime Regierung Deutschlands. Denn Verbrecher können keine Regierung konstituieren, und in dem Augenblick, als diese Menschen fielen, herrschte das Verbrechen, soweit es herrschen kann. Es mag machtmäßig herrschen, aber dadurch herrscht es noch längst nicht rechtmäßig. Daran, daß wir diesen Opfern des Nazismus die Legitimität zusprechen, hängt die Epoche für die nächste europäische Generation – nicht nur für die Deutschen. Diese Opfer des Nazismus bilden nämlich die legitimen Namen, die über dieser Epoche als wirkliche Menschheit stehen" (Rosenstock-Huessy 1965, S. 38). Hier ist wegweisend und positiv für den Geist der politischen Erziehung das ausgesprochen, was Theodor W. Adorno in einem vielbeachteten Rundfunkvortrag negativ und ausgrenzend formulierte: "Die Forderung, daß Auschwitz nicht noch einmal sei, ist die allererste an Erziehung" (Adorno 1966, S. 111).

Die Gradlinigkeit auf dem Weg des Rechts bezahlten Moltke und seine Freunde mit Einsamkeit und mit dem Tod und mit der Gefahr des Vergessenwerdens. Das Aushalten der Einsamkeit ist eine Glaubensleistung. Als die Brüder Adam von Trotts 1945 über Imshausen ein Gedenkkreuz errichten ließen, hielten die Dorfbewohner den Widerstand während des Krieges immer noch für Verrat. Aber Adam von Trott übte gerade keinen Verrat, sondern blieb auf dem Weg des Rechts. Als der amerikanische Freund Wallace Deuel Berlin verließ, schrieb Moltke von ihm: "Von all den Männern, die ich so sehe und mit denen ich mich eingehend unterhalte, ist er der einzige, der von mir nicht sozusagen eine Stärkung im Glauben will" (Moltke 1988, S. 141). Das wirft ein Licht darauf, was Moltke an Kraft abverlangt wurde. Ein Jahr später heißt es in einem Brief Moltkes, Yorck sei der einzige, mit dem er sich beratschlage, "bei allen anderen handelt es sich in Wahrheit um eine in die Form der Beratschlagung gekleidete Anfrage, wie weit sie mitmachen und was sie tun wollen. Das läßt dann immer wieder die Verantwortung bei mir, oder mindestens den Schwerpunkt der Verantwortung" (Moltke, Balfour, Frisby, S. 160). Noch schärfer kommt die geforderte Glaubensleistung in einem Brief an Lionel Curtis zum Ausdruck:

"In den übrigen von Hitler tyrannisierten Ländern hat sogar der gewöhnliche Verbrecher Aussicht, als Märtyrer angesehen zu werden. Bei uns ist das anders: Selbst der Märtyrer kann sicher sein, als gewöhnlicher Verbrecher zu gelten. Das macht den Tod sinnlos, und dies wiederum ist ein sehr wirksames Abschreckungsmittel" (Moltke, Balfour, Frisby 1975, S. 217). Dieses Zwielicht mussten er und andere auf sich nehmen, um das leichtfertige Freund-Feind-Denken der Carl Schmitt und anderer auszustoßen.

Moltke wusste, dass der Sinn des Widerstandes nicht vom Erfolg abhing: "Die Erkenntnis, daß das, was ich tue, sinnlos ist, hindert mich nicht, es zu tun, weil ich viel fester als früher davon überzeugt bin, daß nur das einen Sinn hat" (Moltke S. 177). Das ist ein Wort, das nihilistische Gedanken bannt. Das Bewußtsein politischer Ohnmacht und Gefühle der Sinnlosigkeit, die es unter uns heute wieder gibt, wirken niederdrückend und lassen selbst gute Menschen angesichts scheinbar übergroßer sozialer und politischer Aufgaben verzagen. Perspektivlosigkeit ohne Liebe und ohne Glauben lag damals bleischwer über den Menschen, und dieses Übel bedroht jede Generation. Die Überwindung der politisch gefährlichen "Glaubensunfähigkeit" (Alfred Delp) ist eine mehrere Generationen umfassende Erziehungsfrage.

Wie kann es auf uns Durchschnittsmenschen ankommen? Das ist eine entmutigende Frage. Freya von Moltke schließt die Biographie über Helmuth James von Moltke mit dem Zitat: "Vor was für riesigen Problemen stehen wir. Und welcher Gigant soll sie lösen? Ist es denkbar, daß eine Gruppe von Durchschnittsmenschen das schafft? Oder ist nicht vielleicht wahrscheinlicher, daß eine solche Gruppe als daß ein Gigant das fertig bringt?" (Moltke, Balfour, Frisby 1975, S. 316). Ob die Opfer des Widerstandes vor fünfzig Jahren auch die nächsten Generationen orientieren, hängt davon ab, ob die Märtyrer von uns anerkannt werden. Sie helfen uns den Sinn für Gut und Böse, Frisch und Faul, Recht und Unrecht zu erhalten und zu schärfen.


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Literatur


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