In der Wahrheit leben

Ein Vortrag von Władysław Bartoszewski am 12. Juli 2007 in Nürnberg


Für die meisten von uns hat das Wort Wahrheit eine positive Bedeutung. Doch ist sie auch verdient? Bei genauerer Reflexion offenbart sich das sehr gefährliche Potenzial der Wahrheit. Denn eine Wahrheit ohne Lüge kann nicht existieren. Daraus ergibt sich nahezu automatisch die Versuchung, einen anderen unmittelbar zum Lügner zu machen. Und wenn wir aus der Geschichte etwas gelernt haben, dann vor allem die Erkenntnis, dass die meisten und größten Tragödien der Menschheit aus der naiven und in der Folge furchtbar verheerenden Überzeugung resultierten, in dem Besitz einzig gültiger Wahrheit zu sein.

Damit möchte ich nicht sagen, dass der Begriff Wahrheit abgeschafft werden soll. Im Gegenteil. Es ist nur wichtig, das Wort verantwortungsvoll zu benutzen und ständig im Auge zu behalten, dass die Wahrheit für verschiedene Menschen etwas anderes bedeutet und manchmal völlig andere Formen annimmt.

Was heißt es also für mich persönlich, in der Wahrheit zu leben? Mein eigener Lebensweg verläuft mitten durch die bewegende Geschichte Europas des Zwanzigsten Jahrhunderts. Daher sind auf der Suche nach dem, was ich meine Wahrheit nenne und mit Ihnen heute teilen möchte, einige Rückblicke notwendig.

Der Mensch ist so konstruiert, dass er grundsätzlich aus der Erfahrung lernt bzw. lernen sollte: zunächst aus der eigenen, später auch aus den Erfahrungen anderer, darunter auch seiner Vorfahren. In diesem Sinne verliert das Wort Vergangenheit seine allgemein akzeptierte Bedeutung. Denn Vergangenheit kann niemals vergangen sein. Sie bleibt stets präsent und lebendig - in unserem kulturellen, geistigen und materiellen Erbe, in unserem Handeln und in der Sprache, ja sogar in uns selbst.

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Seit es uns die kulturelle Entwicklung ermöglicht historische Geschehnisse festzuhalten und auf zeitübergreifende Weise den nächsten Generationen zu vererben, heißt es also: aus der Geschichte lernen. So ist bereits in den Büchern des Alten Testaments die Warnung Moses´ zu finden, die er seinem Volk nach Jahren schwerer Erfahrungen zurief: "Denk an die Tage der Vorzeit, achte auf die Jahre der früheren Geschlechter" (5. Mose 32, 7).

Diese Art der Lehre hat leider drei Schwächen. Erstens setzt sie generell die Bereitschaft des Menschen, nützliche Schlussfolgerungen aus dem Geschehenen zu ziehen voraus. Zweitens übersieht sie unsere Neigung dazu, geschichtliche Ereignisse nach eigenen Bedürfnissen zu interpretieren und nicht selten in den Dienst verschiedener ideologischer Ziele zu stellen. Und letztens werden wir von Zeit zu Zeit von Ereignissen ohne geschichtliche Präzedenz überrascht: von dem bislang Unerhörten und Undenkbaren, wobei wir nicht auf geschichtlich erprobte Lösungen zurückgreifen können, sondern den eigenen Weg suchen müssen.

Ich gehöre zu einer Generation, die alle drei Schwächen der geschichtlichen Lehre erleben musste. Einer Generation, die in ihren Jugendjahren zunächst mit dem undenkbaren Schrecken des Zweiten Weltkrieges konfrontiert wurde: mit der präzedenzlosen Verachtung, mit dem Völkermord von bislang nie da gewesenen Ausmaßen, mit bis dahin unvorstellbaren Abartungen der menschlichen Seele. Später, in den Nachkriegsjahren wurden wir – insbesondere in den mittel- und osteuropäischen Ländern – Zeugen der planmäßigen Verfälschung der Geschichtsschreibung, der Verlogenheit und der Versuche gewisse "unerwünschte" Ereignisse gemäß den ideologischen Richtlinien von den Geschichtsbüchern und von dem Bewusstsein der Menschen verschwinden zu lassen. Letztendlich, mit der Zeit, die seit den tragischen Kriegsjahren unaufhaltsam verfließt, können wir besorgt beobachten, dass auch heute der gesunde Menschenverstand nicht immer die Oberhand gewinnt.

Die Frage, ob die Geschichte eine "magistra vitae est" oder "non est" beschäftigte und beschäftigt in jeder Generation aufs neue nicht nur die Historiker, sondern alle Menschen, die sich reflektierend sowohl für die Zukunft der eigenen Familie mitverantwortlich fühlen, als auch für die Zukunft ihres Volkes, ja vielleicht sogar der Menschheit. Die Suche nach einer Antwort ist dabei – parallel mit der Suche nach der eigenen Wahrheit – eine persönliche Angelegenheit. Meine eigenen Überlegungen, in wie weit die erlebte Geschichte einen Einfluss auf mein Leben und das meiner Zeitgenossen hatte und ob ich aus ihr gelernt habe, beginnen nicht ganze sechs Monate nach meiner frisch bestandenen Abiturprüfung – im frühen Herbst 1939, als mein Land überfallen und kaltblütig von der Karte Europas ausgelöscht wurde. Das ganze Territorium des polnischen Staates – durch einen Komplott Hitlers und Stalins zur Hälfte geteilt – wurde besetzt und Millionen seiner Bürger (Polen und polnische Juden) einem Terrorregime unterworfen.

Die Ausrottungspläne gegenüber den Juden in den besetzten Gebieten Polens wurden von den Deutschen etappenweise und auf eine so perfide Art durchgeführt, daß sowohl das Judentum als auch das polnische Volk – geschweige denn die Weltöffentlichkeit – bis in die letzen Monate des Jahres 1941 hinein - und auch noch später - die Endziele der nationalsozialistischen Judenpolitik nicht voll erkannten.

Diese Strategie ist insoweit gelungen, als mehrere diskriminierende und repressive Maßnahmen gegenüber den Juden in den ersten Monaten der deutschen Besatzung in Polen weder bei den Juden selbst noch bei den Polen den Verdacht aufkommen ließen, daß die ganze jüdische Bevölkerung existentiell bedroht sei.

Wladyslaw Bartoszewski beim Vortrag

Einen entscheidenden Schritt stellte die Schaffung der Ghettos, also der "geschlossenen jüdischen Wohnbezirke" dar: zunächst - in den ersten Monaten des Jahres 1940 - in Lodz, etwas später - im Herbst des gleichen Jahres – entstand dann in Warschau das größte Ghetto auf dem polnischen Territorium und überhaupt in Europa. Durch die Zwangsaussiedlung der Juden aus kleineren Ortschaften wuchs die dort zusammengepferchte Bevölkerung auf über 450.000 Menschen an. Allein dieser Zustand bewirkte, daß ungefähr 100.000 Juden innerhalb von zwei Jahren aufgrund von Epidemien oder an Hunger starben. Diese Menschen sind ohne Erschießung und ohne Vergasung indirekt in Warschau ermordet worden, noch bevor die Liquidierung des Warschauer Ghettos begann.

Zu dieser Zeit sind inzwischen auch die ersten Konzentrationslager auf polnischem Boden entstanden. Ich selbst geriet schon im September 1940 – infolge der umfangreichen Präventivmaßnahmen der SS – in ein frisch angelegtes Lager am Rande des damals noch so gut wie unbekannten Provinzstädtchens Oswiecim – des späteren Symbols der Verwirklichung jenes nationalsozialistischen Völkermordprogramms, das sich unter dem Decknamen "Endlösung der Judenfrage" verbarg.

Als 18jähriger Warschauer, angestellt beim Polnischen Roten Kreuz, wurde ich am 19. September 1940 Opfer einer SS- und Polizeirazzia: Festgenommen, nicht vernommen, am 22. September 1940 stand ich bereits auf dem Appellplatz in Auschwitz als politischer Häftling Nummer 4427. Bis zum Ende meiner Tage werde ich mich an den Ausspruch des damaligen Ersten Schutzhaftlagerführers, SS-Hauptsturmführer Karl Fritsch erinnern: "Ja, seht Ihr den Kamin da drüben? Seht Ihr dort drüben, dort ist das Krematorium. Der einzige Weg in die Freiheit führt für Euch durch den Schornstein."

Und wenige Minuten danach: Die SS-Leute suchten ein Opfer. Ein Lehrer aus einem Gymnasium in Warschau, neu im Lager. Ich weiß nicht, was er gemacht hatte, vielleicht stand er nicht gerade, was auch immer, es war nichts Besonderes. Die Kapos zerrten ihn nach vorne, wir haben es alle gesehen, die paar Tausend, und ich war dabei. Die Nummer 4427, Bartoszewski, sah zu, sah es deutlich, ich sehe es noch jetzt. Sie haben diesen Lehrer geprügelt und gefoltert. Er fiel, er lag, er wurde ohnmächtig, er blutete. Ich weiß nicht, ob er totgeschlagen wurde, mir schien, er war tot. Es dauerte 10, vielleicht 15 Minuten. Hier standen etwa 5000 Männer. Stramm in Hab-acht-Stellung. Und wir waren Zuschauer, und niemand hat etwas gesagt, niemand hat etwas unternommen. Und ich war da, und ich habe auch nichts gemacht, und das empfinde ich noch heute als die Scham meines Lebens, obwohl ich das alles verstehe. Was kann man durch Angst in ein paar Stunden erreichen! Wie kann in so kurzer Zeit ein Mensch so erniedrigt werden? Was kann man aus dem Menschen machen! Wir in der Menge wurden nicht gefoltert. Aber was konnten wir tun? Maschinengewehre oben auf den Wachtürmen, Wachposten ringsum! Und dennoch, hier wurde ein Mensch gefoltert, das war ein ganz bewußt inszeniertes Schauspiel. Erreicht wurde ein Ziel: Wir hatten Angst.

Und weitere Rückblicke: die in meinem Beisein gequälten, sterbenden Menschen, die mich baten: Du bist jung. Du hast vielleicht Chancen, zu überleben. Du mußt das erzählen! Du mußt Zeugnis abgeben, das darf nicht vergessen werden!

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Und Adam Heydel, Professor der Krakauer Universität, bekannter Kultur- und Kunsthistoriker, Lagernummer 10564. Am 14. März 1941 von der SS schwerkrank aus seinem Bett im Lagerkrankenbau geholt und mit 70 anderen politischen polnischen Häftlingen in der Kiesgrube neben dem Lagerzaun erschossen. Als die Henker kamen, saß ich gerade an seiner Pritsche im Gespräch mit ihm über Cyprian Norwid, einen bekannten polnischen Dichter und Philosophen des 19. Jahrhunderts.

Und schließlich meine Entlassung an dem kühlen Apriltag 1941, als ich - ohne zu wissen, daß ich das dem Polnischen Roten Kreuz zu verdanken hatte - vollkommen verunsichert und verwirrt mit einigen anderen politischen Häftlingen, die am gleichen Tag entlassen werden sollten, in die Schreibstube gegangen war. Wir wurden im Konvoi bis zum Bahnhof in der Stadt Auschwitz gebracht. Wir durften mit niemandem reden, erst im Eisenbahnabteil, als der Zug sich in Bewegung setzte, wurde ich frei. Frei? Frei von Auschwitz wurde ich eigentlich bis heute nicht. Das darf man nicht vergessen.

Ich habe nachher versucht, im Rahmen des Möglichen meine Pflicht zu tun. Im Sommer 1941 berichtete ich der polnischen Widerstandsbewegung (Informationsabteilung der Heimatarmee) über Auschwitz. Ich habe versucht, den am meisten verfolgten, die noch nicht in Auschwitz waren, zu helfen, soweit ich konnte. Die am meisten Verfolgten waren im Jahr 1941 und danach in Warschau die Juden. Wo es ging, half ich Menschen zu verstecken, sie mit falschen Papieren zu versorgen, ihnen Geld zu vermitteln, aber auch planmäßig Informationen über NS-Terror in Warschau zu sammeln, zu bewerten und in Form von Meldungen und Berichten für die polnische Regierung in London aufzubereiten.

In meiner Auschwitz-Zeit vom September 1940 bis zum April 1941 habe ich im Lager nur einzelne Juden getroffen, damals waren vor allem Polen die Opfer, und niemand von uns könnte sich so etwas vorstellen: der Versuch der Ausrottung eines ganzen Volkes. Aber auch die Erfahrungen, die mir, einem damals sehr jungen Menschen zuteil geworden sind, haben mich sensibler gemacht, über mein Alter hinaus erfahren und offen für das menschliche Unglück. Daraus sollte auch später die höchste Auszeichnung resultieren, die ich in meinem Leben bekommen habe, der Titel: "Gerechter unter den Völkern der Welt:". In Jerusalem 1963 in der Gedenkstätte Yad Vashem, am symbolisch großen Grab mit den schweren Gedenkplatten, mit der Asche von Opfern aus allen Konzentrationslagern Europas.

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Das christliche Europa von heute hat eine Chance der Verarbeitung der Vergangenheit und der Lehre aus der Geschichte. Diese Chance besteht nur in der Anerkennung des eigenen Versagens, des Mangels an Gerechtigkeit, an Toleranz und Zivilcourage in der Politik. Auschwitz und andere ähnliche Orte des unvorstellbaren Leidens steht als bedrängendes Symbol dafür, wohin solches Versagen führen kann.

Das Leben in der Wahrheit, heißt für mich also zunächst die Verpflichtung zur Erinnerung. Und die Erinnerung wiederum verpflichtet uns alle zur Besinnung sowie zur Erziehung der neuen Generationen aller Völker im Geiste der Menschenachtung, im entschlossenen Engagement gegen Antisemitismus, Fremdenfeindlichkeit und negatives Pauschaldenken über den "Anderen". Die mutigen guten Taten, die es damals auch gab, die Ausnahmefälle und die Opferbereitschaft der einzelnen müssen uns Vorbild bleiben. Denn wenn so etwas wie der Fluch der bösen Tat existiert - was wir oft glauben -, dürfen wir auch auf den Segen der guten Taten vertrauen und an diesem Segen durch unsere Haltung teilnehmen.

Meine Kriegserinnerungen, besonders die Erinnerungen an Auschwitz stehen im unmittelbaren Zusammenhang mit der Hauptfrage der heutigen Veranstaltung: kann uns die geschichtliche Lehre helfen, in Wahrheit zu leben? Denn gerade Auschwitz dient heute als ein besonderer Indikator, der das Verhältnis vieler Menschen zu ihrer Vergangenheit aufzeigt: das der Deutschen zu ihrer natio­nalen Identität und zur Frage ihrer Solidarität mit anderen Menschen, das der Juden zu ihrer persönlichen Geschichte und dem Schicksal ihrer Familien.

Mir scheint die Differenzierung, warum Menschen nach Auschwitz depor­tiert wurden, ist für die Menschen von heute nicht mehr von zentraler Bedeutung. Etwas anderes muß deutlich gemacht werden: die kalte Bereitschaft, planvoll verbrecherisch zu handeln, der Mechanismus, der zur Umsetzung in die Tat führte sowie die Motivation der Täter. Ebenso un­verzichtbar wie das Tatsachenwissen ist die Kenntnis der Voraussetzungen und Bedingungen, die diese Verbrechen möglich gemacht haben.

Das damalige historische Ereignis verstehen wir auch dann besser, wenn die Menschen, die der absoluten Macht, der schieren Gewalt direkt ausgesetzt waren, im nachhinein versuchen, ihre eigenen Reaktions- und Verhaltenswei­sen darauf zu analysieren: Wie verhielten sie sich in Zwangslagen, in denen sie das Böse, also totale Entrechtung, Willkür und Terror erleben mußten? Auch ich befand mich in einer solchen Situation und diese Erfahrung wurde zu einer der Motivationen meines Handelns in meinem weiteren Leben.

In der geschlossenen Welt des Konzentrationslagers, angesichts des extrem Bösen, das der Verstand nicht begreifen und Menschen mit einer Erziehung zu Anstand und moralischem Verhalten nicht einordnen konnten, erfaßte die Häftlinge ein Gefühl völliger Ausweglosigkeit. Unabhängig vom Bildungsgrad konnten sie sich dieses Böse, diesen Vernichtungsterror weder erklären, noch sich auf adäquate Weise damit auseinandersetzen. Abgeschieden von der Welt, getrennt von allem, was ihnen bis vor kurzem lieb und wert gewesen war, mußten sie sich in der "Hölle" wähnen. Grenzenlose Angst erzeugte die Be­reitschaft, sich entweder den Bedingungen des Lagerlebens anzupassen oder aber sich voller Verzweiflung aufzulehnen, wie diejenigen, die den Freitod wählten, indem sie sich in den elektrisch geladenen Stacheldrahtzaun warfen.

Aus Angst verbündeten sich oft Gefangene mit dem Bösen. Der Kapo, der mit dem Knüppel in der Hand Menschen erschlug, isolierte sich von seinen Kame­raden und wurde so mehr und mehr ein Instrument in den Händen der SS. Die Angst vor der eigenen Vernichtung und die Aussicht auf gewisse Privilegien machten ihn - einen vormals möglicherweise ganz normalen und friedlichen Menschen - zum Komplizen der Schinder. Derjenige Funktionshäftling, der versuchte, so gut es ging, sich für seine Kameraden einzusetzen und ihnen zu helfen, riskierte sein Leben. Es war ein sehr schmaler Grat, auf dem er sich bewegen und Entscheidungen treffen mußte.

Hermann Langbein schrieb: "Die Lehre von Auschwitz lautet: Der erste Schritt schon, das Sichfügen gegenüber einer Gesellschaftsform, die die Men­schen total beherrschen will, ist der gefährlichste. Wenn so ein Regime einmal den Plan gefaßt hat, "Untermenschen" auszurotten - es müssen nicht Juden und Zigeuner sein - und man trägt seine Uniform - sie kann auch mit anderen Symbolen als den Runen der SS und dem Totenkopf geziert sein - so ist man Werkzeug geworden."

Können wir es uns in der heutigen Zeit noch erlauben, die Verfolgung von Menschen aus politischen, religiösen und rassischen Gründen, die Verbrechen begangen aus Haß und Intoleranz, nicht aufmerksam genug zu beachten, sie zu unterschätzen? Dürfen wir angesichts all dessen gleichgültig bleiben?

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Ich meine, die Aussage Adornos, nach Auschwitz könne es kein Gedicht mehr geben, vermittelt auch eine Botschaft. Zwar wurden nach Auschwitz wieder Gedichte und Romane geschrieben, Musik wurde komponiert - alles geschaffen auch von Juden, sogar von ehemaligen Auschwitz-Häftlingen. Den­noch hat dieser so radikal formulierte Gedanke einen Wahrheitsgehalt, da­hingehend, daß sich nach Auschwitz, das zum Symbol einer menschheitsgeschichtlichen Katastrophe wurde, das Bewußtsein der Menschen verändern müsse.

Sich mit der Vergangenheit konstruktiv auseinander zu setzen bedeutet daraus Konsequenzen zu ziehen. Das setzt die Einsicht in unsere eigene Unzulänglichkeit voraus: Wir sind unzuverlässig und oft ungerecht; im politischen Handeln mangelt es uns an Toleranz und Zivilcourage. Auschwitz als Realität und als bedrückendes Symbol für eine Epoche mahnt uns, wohin solches Versagen, solche Unterlassungen führen können.

Die Wahrheit und die Geschichte verpflichten uns alle zur Besinnung und dazu, die neuen Gene­rationen aller Völker zur Achtung vor der Würde des Menschen zu erziehen und sie zu ermutigen, entschlossen gegen Antisemitismus, Fremdenfeindlich­keit und jegliche Art von Vorurteilen gegenüber "Anderen" einzuschreiten.

Inmitten von Angst, Bedrohung und Gräuel gab es damals die mutigen Taten einzelner Menschen. Ihre Bereitschaft zu Solidarität und Hilfe sollte uns Vorbild sein. Wenn es so etwas wie den Fluch der bösen Tat gibt - und wir sind oft geneigt, das zu glauben -, dann sollten wir auch auf den Segen der guten Taten vertrauen und uns bemühen, durch unser Denken und Handeln Anteil an diesem Segen zu haben.

Solange es denkende und fühlende Menschen gibt, wird Auschwitz in der Geschichte das Symbol des Bösen und ein Mahnmal für bisher nie dage­wesene Verbrechen an der Menschheit bleiben. Gerade deshalb dürfen wir nicht darüber hinwegsehen, daß Rassismus, Gewalt und Terrorherrschaft im­mer noch – inzwischen über ein halbes Jahrhundert nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges - die Welt bedrohen. Und das die Geschichte – trotz der von meiner Generation erlebten Schrecken des Krieges – immer noch auf undenkbare und brutale Weise überraschen kann: wie am 11. September 2001, einem inzwischen historischem Tag.

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Zum Abschluss meiner Erinnerungen und Überlegungen möchte ich nochmals zu der einleitenden Frage unseres heutigen Treffens zurückkehren. Kann ein Mensch von sich selbst behaupten, er habe in der Wahrheit gelebt? Ehrlich gesagt, ich weiß es nicht, und wie ich zu Beginn bereits festgestellt habe, ist der Begriff der Wahrheit höchst gefährlich, wenn man mit ihm nicht verantwortungsvoll umgehen kann. Aber ich weiß, daß wir alle verpflichtet sind, alles Mögliche zu tun, um sich den Kräften des Bösen, der Dummheit, der Aggressivität, der Gleichgültigkeit, des Hasses zu widersetzen. Auch der menschlichen Neigung zum Vergessen oder dem falschen Umgang mit der Vergangenheit. Das alles – zusammen mit dem Willen zur Vergebung und Versöhnung – begleitete mich immer und ist zu meinem eigenen Verständnis des Lebens in der Wahrheit geworden.

"Heute höre ich, wir sollen das in die Geschichte einreihen. Und es muß doch auch mal Schluß sein, endlich, nach all den Jahren" – heißt es in einer Ihnen vielleicht bekannten Ballade des deutschen Sängers Reinhard Mey. – "Ich rede und ich singe, und wenn es sein muß, werde ich schreien. Damit unsere Kinder erfahren wer sie waren"*. Diesen Worten schließe ich mich an. Auch wenn ich persönlich nicht singen kann, so habe ich mein Leben lang geredet, und zuweilen tatsächlich geschrieen, um die Erinnerung lebendig zu erhalten. Denn ich bin tief überzeugt, daß diejenigen, die in den Jahren des Schreckens die Möglichkeit hatten, sich dem Verbrechen zu widersetzen, sowie die, die vor dem Untergang gerettet wurden und die die Taten der menschlichen Solidarität in Erinnerung rufen, in einer gewissen Weise dazu beigetragen haben und beitragen, daß die Welt auch nach Auschwitz, nach den Gräueln des Nationalsozialismus und nach der Menschenverachtung des Kommunismus nicht ganz ohne Hoffnung ist.

Deshalb fühle ich mich weiterhin verpflichtet, Zeugnis abzulegen. Das ist mein persönliches Rezept für das Leben in der Wahrheit.

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*Reinhard Mey, Die Kinder von Izieu, aus der Liedersammlung: Immer weiter, 1994.