Zivilcourage

Ein Vortrag von Elke Endrass zm 100. Geburtstag von Helmuth James von Moltke in Würzburg *

Inhalt:1. Was ist Zivilcourage? - Woher kommt der Begriff?

2. Kann man Zivilcourage lernen?

3. Moltkes Ausbildung

4. Anfänge des "Kreisauer Kreises"

5. Delp und Moltke begegnen sich

6. Ende des Kreisauer Kreises

7. Zivilcourage heute

8. Zivilcourage macht einsam

 

1. Was ist Zivilcourage? - Woher kommt der Begriff?

Wie steht es um Ihre Zivilcourage, um Ihr Verantwortungsgefühl? Was tun Sie, wenn jemand in Ihrer Nähe beleidigt, bedroht, belästigt oder gar verprügelt wird? Greifen Sie ein - auch wenn Sie sich dann möglicherweise selbst in Gefahr bringen? Oder schauen Sie lieber weg, nach dem Motto - "Das geht mich nichts an"? Halten Sie sich für mutig oder eher für feige?

Das Münchner Institut für Recht und Wirtschaft fragte Menschen zwischen 16 und 76, ob sie je Zeuge einer Gewalttat waren. Alle antworteten mit ja. Ob sie geholfen hätten, wollte man wissen. 86 Prozent sagten nein. Und die meisten waren unsicher, ob sie sich in Zukunft anders verhalten würden.

Die Gleichgültigkeit, mit der die ganz alltägliche Gewalt in unserem Land, die Zerstörungswut gegen Dinge und die Hatz auf Menschen hingenommen werden, legen den Verdacht nahe, dass wir eine Gemeinschaft von Wegguckern, Feiglingen und Egoisten sind. "Eine Gesellschaft von Gaffern, die sogar tatenlos einem Verbrechen zugucken, als wäre es ein Fernsehfilm. Nein, Zivilcourage hat keine Konjunktur.

Zivilcourage. – Für die Münchner Studentin Sophie Scholl, die später von den Nazis hingerichtet wurde, war sie "kein plötzlicher Ausbruch von Mut, sondern eine Lebensweise, die das Dasein menschlicher macht". Und Bonhoeffer meinte, Zivilcourage sei eine Haltung und Handlung, die aus der Verantwortung des Christen erwachse. Nicht anders sahen es Helmuth James von Moltke und Pater Alfred Delp, deren Geburtstag sich in diesem Jahr zum 100. Mal jährt. Heute auf den Tag genau vor 100 Jahren, am 11. März 1907, wurde Helmuth James von Moltke geboren. Moltke zeigte Zivilcourage.

Das Wort "Zivilcourage" wurde an einem Montag im Mai 1847 in Deutschland geboren. Pfiffe gellten durch das Parlament, während der junge Abgeordnete und spätere Reichskanzler Otto von Bismarck seine erste Rede hielt. Es ging um ein Gesetz über die Rentenbank, gegen das er sich entschieden aussprach. Später saß er mit einem älteren Verwandten beim Essen, der meinte: "Du hattest ja ganz Recht, aber trotzdem hättest du sowas nicht sagen müssen." Bismarck antwortete: "Wenn du meiner Meinung warst, hättest du mir beistehen sollen." Die Schmach und die Erfahrung, in der Politik allein auf weiter Flur zu stehen und eine Meinung zu vertreten, die zwar auch andere teilten, sich im Gegensatz zu ihm jedoch nicht trauten, diese auch zu äußern, diese Erfahrungen traf den jungen Abgeordneten Otto von Bismarck so tief, dass er später noch von diesem Erlebnis erzählte. "Mut auf dem Schlachtfeld ist bei uns Gemeingut", meinte er zu seinem Vertrauten Robert von Keudell, "aber Sie werden nicht selten finden, dass es ganz achtbaren Leuten an Civilcourage fehlt." Damit schuf Bismarck einen Begriff, den wir noch heute verwenden.

Nachgewiesen wird der Begriff Zivilcourage erstmals 1835 in Frankreich als "courage çivil", der den Mut des Einzelnen zum eigenen Urteil bezeichnet, und als "courage çivique", womit staatsbürgerlicher Mut gemeint ist. Zivilcourage umfasst beides.
Zivilcourage - und so verstand es auch Bismarck - bedeutet, dass jemand für seine Überzeugung mutig eintritt und dafür auch Risiken in Kauf nimmt. Schon die Griechen schätzten den Mut, vor allem im Krieg. Sie nannten ihn Tapferkeit oder Kampfestüchtigkeit.

Rund 400 Jahre vor Christus führte Platon die Tapferkeit als eine der vier Kardinaltugenden auf, neben der Weisheit, der Besonnenheit und der Gerechtigkeit. In seinem Modell des Staates war Tapferkeit die Tugend der Wächter - sie mussten den Staat gegen Feinde von innen und außen beschützen. Tapferkeit - so heißt es in einem seiner frühen Dialoge - sei "eine Art Beharrlichkeit der Seele". Wir würden es heute so ausdrücken: Nur wer sich von äußeren Einflüssen nicht beirren lässt, kann standhaft bleiben. Nur wer sich der Angst und ihrer Folgen bewusst ist, kann sie überwinden. Nur wer hofft und glaubt, dass sich eine Situation zum Besseren verändern lässt, tritt für seine Überzeugung auch in unbequemen Situationen ein.
Sokrates, Platons Lehrer und Freund, übertrug den Begriff der Tapferkeit, auch auf das Leben außerhalb des militärischen Kampfes. Tapfer könne man ebenso bei Krankheiten, in Armut oder im politischen Leben sein. Platons Schüler Aristoteles wird die Tapferkeit einige Jahrzehnte später in der Mitte zweier Extreme - der Tollkühnheit und der Feigheit - ansiedeln und dabei auch vom "bürgerlichen Mut" sprechen, der noch wichtiger sei als der Mut im Krieg.

Was aber erhofft sich derjenige, der Mut beweist?
Wer tapfer ist, meinte Aristoteles, möchte Ehre erlangen. Wir würden heute eher von Selbstachtung sprechen.

Es gibt Menschen, die trotz schwieriger Umstände immer wieder ihre Meinung vertreten, sich für andere Menschen einsetzen und so zivilen Mut zeigen. Woran liegt das?

Wissenschaftler der Universität Zürich haben in einem interessanten Experiment den Zusammenhang zwischen dem vorderen Stirnlappen und der Bereitschaft zur Zivilcourage nachgewiesen. Verminderten sie mittels einer Magnetstimulation die Erregbarkeit des vorderen Stirnlappens, nahm bei den Versuchspersonen die Bereitschaft ab, sich gegen ungerechtes oder unmoralisches Verhalten aufzulehnen. Sie waren weitaus egoistischer als die Probanden, deren Frontalhirn nicht manipuliert wurde. Für die Wissenschaftler ist das Untersuchungsergebnis vor allem im Hinblick auf das Verhalten Heranwachsender interessant. Bei ihnen ist der vordere Stirnlappen noch nicht voll entwickelt. Die Wissenschaftler schließen daraus, dass sie deswegen häufig die Selbstkontrolle verlieren, zu Gewalt neigen und zu egoistischem Verhalten neigen.

Zivilcourage - eine Frage der Funktionstüchtigkeit des vorderen Stirnlappens??? - Eine etwas unbefriedigende Erklärung. Und warum - so fragt man sich - war der junge Moltke schon als junger Schüler in der Lage, sich gegen Ungerechtigkeiten zu Wehr zu setzen? War sein vorderer Stirnlappen frühreif?

nach oben

 

Widerstand kann unmöglich nur aus dem vorderen Stirnlappen erwachsen. Was also treibt die Mutigen? Warum reagieren Menschen unterschiedlich couragiert in denselben Situationen? Was macht einen zivilcouragierten Menschen aus? Was braucht ein Mensch, um mutig zu handeln?

Psychologen behaupten, couragiertes Auftreten sei oft eine Reaktion auf eine früh erlebte Entwürdigung und aus der Biografie eines Menschen erklärbar. Betrachtet man die Biografie Alfred Delps, findet man das bestätigt. Schon seine Eltern schwammen gegen den Strom und fragten nicht danach, was "man" üblicherweise tat. Ihre Ehe war reichlich unkonventionell. Ein uneheliches Kind war er - schlimmer noch: Als er geboren wurde, hatten seine Eltern schon eine zweijährige Tochter. Ganz schön mutig. Immerhin war man zu Beginn des 20. Jahrhunderts noch reichlich prüde. Wie mag man über die wilde Ehe der Eltern getuschelt haben? Als sie dann endlich heirateten, erregte ihre Ehe immer noch Anstoß. Der Vater war protestantisch, die Mutter evangelisch.

Entwürdigungen seelischer oder körperlicher Art, die teilweise als sehr verletzend empfunden wurden - das, so behaupten Psychologen, sei mit ein Grund für couragiertes Handeln. Sie kann durch die Arroganz und Machtausübung von Vorgesetzten verursacht werden, durch die Grausamkeit des Vaters verursacht oder durch das brutale Einschreiten der Staatsmacht bei nichtigen Anlässen. Couragiertes Handeln ist demnach ein Teil der frühkindlichen Prägung wie anderes Handeln auch. Diese Menschen haben einmal erfahren, dass ihre Reaktion dazu beitrug, das innere Gleichgewicht wieder herzustellen, und haben diese Verhaltensweise mit zunehmenden Wiederholungen verfestigt. Aus diesem Grund reagieren sie auch ohne Zögern und ohne lange vorherige Erwägungen.

Zivilcourage ist die Tugend, mit deren Hilfe die zwischenmenschlichen Beziehungen wieder in die Balance gebracht werden sollen. Sie ist neben Gerechtigkeit, Klugheit und Mäßigung eine jener öffentlichen Tugenden, die im klassischen Verständnis das Handeln leiten sollten. Und sie steht damit ganz im Gegensatz zur Feigheit, mit der sich der französische Skeptiker Michel de Montaigne im 16. Jahrhundert eingehend beschäftigte. Der Inbegriff des Feigen sei der Tyrann: "Weil ihn ständig alle schrecken, will er alle niederstrecken" schrieb er in einem seiner Essays. Die moderne Übersetzung von Tyrannei ist Diktatur. Warum riskierten Menschen im Nationalsozialismus dann sogar ihr Leben, um anderen zu helfen? - Es sei eine Frage des Charakters, meint der Philosoph und Theologe Richard Schröder. Schröder ist selbst in einem totalitären System aufgewachsen. Er war später Vorsitzender der SPD-Fraktion in der ersten und letzten frei gewählten Volkskammer der DDR. Couragierte Menschen haben seiner Ansicht nach ein sehr hohes Verantwortungsgefühl, eine extreme Neugier und Empathie gegenüber anderen, ein ausgeprägtes Gerechtigkeitsempfinden, aber auch die Fähigkeit, die eigenen Kräfte einzuschätzen und Risiken einzugehen.

All das reicht als Erklärung noch nicht aus. Da muss es noch mehr geben:

Der Psychologe Mantell hat 1972 amerikanische Jugendliche befragt, was sie fähig machte, dem Druck standzuhalten und trotz den drohenden Gefängnisstrafen den Kriegsdienst in Vietnam zu verweigern. Bei den Ergebnissen spielte der familiäre Hintergrund eine besonders große Rolle. Viele nannten als kennzeichnend für ihr Familienleben Gewaltlosigkeit, Toleranz, gegenseitige Anteilnahme, Wärme und unautoritäres Verhalten. Außerdem bezeichneten viele der Verweigerer ihre Eltern als politisch und sozial engagiert. In den Familien war es üblich, die eigenen Gefühle zu reden. Es wurde viel diskutiert, und die Jugendlichen waren sicher, dass ihre Rechte, Wünsche und Gefühle respektiert wurden.

Doch auch, wenn die familiären Bedingungen nicht günstig sind und der Jugendliche sich zunächst aus der autoritären Abhängigkeit von seinen Eltern befreien muss, ist eine positive Entwicklung möglich. Hierzu muss der Jugendliche jedoch zwei Voraussetzungen erfüllen:

Bleibt die Frage, ob man Zivilcourage lernen kann.

nach oben

 

2. Kann man Zivilcourage lernen?

Kinder lernen von ihren Eltern – auch was Zivilcourage angeht. Auch Helmuth von Moltke fand in seiner Familie Menschen, die mit gutem Beispiel vorangingen.

Seit rechtsradikale Übergriffe auf Ausländer, Obdachlose und linke Jugendliche die Gewalt in unser öffentliches Leben brachten, wird über zivile Gegenwehr diskutiert. Die Medien berichten ausführlich über couragiertes Verhalten; Verbände bieten Kurse zum Erlernen beherzten Eingreifens an. Diese in Deutschland bis dahin ungewohnte Diskussion über verantwortliches Handeln in der Öffentlichkeit ist nützlich; gleichzeitig bleibt das Verständnis von Zivilcourage aber eingeschränkt: Denn Zivilcourage wird ausschließlich als mutiges Eingreifen bei gewalttätigen Übergriffen verstanden. Die angebotenen Kurse suggerieren, dass sich Courage wie eine Sportart erlernen lässt. Zwar können Angebote, mutiges Eingreifen in brenzligen Situationen zu trainieren, für diejenigen sinnvoll sein, die ohnehin bereit sind, Angegriffenen zu helfen. Zivilcourage ist in erster Linie jedoch eine Tugend, die - wie andere Tugenden auch - nur in einem längeren Prozess der Charakterbildung erworben werden kann. Zivilcourage und Gemeinsinn können nicht einfach als Lehrstoff vermittelt werden; stattdessen muss der alltägliche Umgang mit ethischen Werten geübt werden - und das am besten von Kindesbeinen an. Es reicht allerdings nicht, Werte und Verhaltensweisen zu predigen - sie müssen vorgelebt werden, wie bei Delp und auch bei Moltke.

Auch im Hause Bonhoeffer wurde den Kindern übrigens frühzeitig beigebracht, dass sie sich gegen Ungerechtigkeiten jedweder Art zu wehren hatten, egal ob es sie selbst oder andere betraf. Es hängt von den praktischen Erfahrungen ab, die wir im Alltag machen, welche Werte als wichtig anerkannt werden, so wichtig, dass wir auch bereit sind, sie zu verteidigen. Hilfreich ist dabei, ein anderes Verständnis von Freiheit zu entwickeln, nämlich Freiheit nicht mehr als Freiheit von, sondern als Freiheit zu - zu gemeinsamer Verantwortung, zu Verstehen und zu Toleranz. Das wird in einer stark individualisierten Gesellschaft allerdings immer schwieriger. Während das Zusammenleben in Großfamilien früher nur dann funktionierte, wenn gegenseitige Rücksichtnahme und Hilfsbereitschaft gepflegt wurden, verkümmern solche Tugenden in einer Gesellschaft, die aus Kleinstfamilien und Singles besteht, immer mehr.

nach oben

 

3. Moltkes Ausbildung

Moltke wuchs in einem Haus auf, in dem es ständig von vielen Menschen nur so wimmelte. Er absolvierte nicht ganz mühelos sein Jurastudium und sah sich ein wenig in der Welt um. Dabei kam er mit zahlreichen interessanten Persönlichkeiten in Berührung, die Wegweiser für sein Leben wurden. Eine davon war die Reformpädagogin Eugenie Schwarzwald. In ihrem Wiener Salon war Moltke ein gern gesehener Gast. Der junge Graf verbrachte ein paar Semester in der österreichischen Hauptstadt. Durch Eugenie Schwarzwald sollte er auch seine spätere Frau Freya kennenlernen. Vor allem aber schärfte die emanzipierte energische Jüdin Moltkes Blick für soziale Probleme. Zurück in Deutschland wurde Moltke bewusst, wie groß die Not in seiner Heimat war. Zwar war – bedingt durch die wirtschaftliche Lage – auch im Hause Moltke das Geld knapp geworden, doch weitaus schlimmer sah es im schlesischen Bergbaugebiet aus. In Waldenburg, das ganz in der Nähe von Kreisau liegt, herrschten damals katastrophale Verhältnisse, die Moltke mit seiner "Löwenberger Arbeitsgemeinschaft" verbessern wollte. Das Besondere an dieser Organisation war, dass Angehörige aller sozialen Schichten zusammen halfen, um die Missstände in der Region abzubauen.

Noch während seiner Referendarzeit wurde Moltke nach Hause zurückbeordert. Der langjährige Gutsverwalter war überraschend gestorben. Es stellte sich heraus, dass er das Gut nahezu in den Bankrott getrieben hatte. Moltkes Vater bat seinen ältesten Sohn, die Sanierung des Familienbetriebs zu übernehmen, was Helmuth Moltke auch in einem unglaublichen Kraftakt gelang. Anschließend ließ er sich in Berlin als Anwalt für Internattionales Recht nieder. Er beriet und half vielen Juden, die Opfer des braunen Terrors wurden.

Das tat auch Pater Alfred Delp. In seiner neuen Rolle als Pfarrer in Bogenhausen – versteckte er Juden und brachte sie ins rettende Ausland. Er engagierte sich in der verbotenen kirchlichen Jugendarbeit und der ökumenischen Bewegung Una Sancta. Delp wurde für viele ein Vorbild. Nach Bombenangriffen sah man ihn mit dem Rad im Arbeitsanzug durch Bogenhausen fahren, um eigenhändig Verschüttete auszugraben und um Wohnungen notdürftig zu reparieren.

nach oben

 

4. Anfänge des "Kreisauer Kreises"

Da Moltke als Soldat untauglich war, setzte man ihn für Bürodienste im Oberkommando der Wehrmacht, Amt Ausland / Abwehr ein. Als Völkerrechtler konnte er sich hier die Freiheit nehmen, die Nationalsozialisten unermüdlich darauf hinzuweisen, dass sie sich an die Spielregeln des Internationalen Rechts zu halten hatten. Das grauenvolle Morden und die Judendeportationen riefen zahlreiche Regimegegner auf den Plan. Einer von ihnen war Peter Yorck von Wartenburg, der sich mit Helmuth von Moltke zusammentat, um einen Ausweg aus der braunen Gefahr zu suchen. Seit Anfang 1940 trafen sich die Ehepaare Yorck und Moltke regelmäßig. Yorck und Moltke bildeten das Zentrum des Kreisauer Kreises. Trotz mancher Meinungsverschiedenheiten waren sie sich darin einig, dass ein Plan notwendig war, wie Deutschland nach dem Zusammenbruch des Hitler-Regimes aussehen könnte. Andernfalls würde es im Chaos versinken. Auf welche Weise es zu diesem Tag X kommen sollte, war anfangs zweitrangig. Moltke glaubte, dass sich das nationalsozialistische System von innen heraus selbst zerstören müsse. Seine andersdenkenden Freunde, die Hitler mit Gewalt beiseite räumen wollten, mahnte er immer wieder zur Geduld. Auch aus christlich-moralischen Gründen konnte Moltke ein Attentat auf Hitler nicht verantworten. Ganz ähnlich sah es Delp – zumindest anfangs. Viele seiner Aussagen lassen allerdings darauf schließen, dass er später seine Einstellung änderte und einen Tyrannenmord für gerechtfertigt hielt.

Wer den Namen "Kreisauer Kreis" erfand, ist nicht ganz geklärt. Moltke und Yorck waren es definitiv nicht. Die Mitglieder des Kreisauer Kreises kamen aus verschiedenen sozialen Schichten und sehr unterschiedlichen politischen Lagern. Was sie verband, war ein tolerantes, christliches, sozialdemokratisches Denken. Das unterschied sie von der breiten Masse. In kleinen Gruppen arbeiteten sie an einer neuen Verfassung, an einem neuen Wirtschaftssystem und an einer Sozialordnung für ein Deutschland nach Hitler. Sie trafen sich an vielen verschiedenen Orten. Nur dreimal kam der "harte Kern" in Kreisau zusammen, weil Moltke und Yorck die Ergebnisse der umfangreichen Besprechungen und Vorarbeiten in größeren Zusammenkünften diskutieren und schriftlich fixieren wollten.

Bei den Plänen, die sich mit der Neuordnung Deutschlands befassten, handelte es sich um eine grundlegende Alternative zum Nationalsozialismus. Es ging um die Wiederherstellung von Menschenwürde und Recht und um verantwortlich gelebte Freiheit, die sich der Gemeinschaft verpflichtet weiß. Nicht minder wichtig aber war der Kampf gegen den Rassismus, der durch das Christentum überwunden werden sollte. Gedanken machte man sich auch um die Bestrafung der Täter, die im Deutschland nach Hitler zur Verantwortung gezogen werden sollten.

nach oben

 

5. Delp und Moltke begegnen sich

Delp war durch Pater Rösch zum Kreis gestoßen. Moltke suchte jemanden, der die kirchliche Soziallehre in die Gespräche und Planungen einbrachte. Denn eines der dringenden Probleme, die zur Bearbeitung anstanden, war die Arbeiterfrage und die Rechristianisierung der Arbeiter. Delp, der sich schon immer für soziale Probleme interessiert hatte, ließ sich nicht lange bitten und sagte seine Mitarbeit zu. Mit Moltke verband ihn von Anfang an eine herzliche Freundschaft bis zum Tod.

Nach der Vorstellung der Kreisauer sollten die Arbeiter und Kirchen die beiden Säulen der neuen deutschen Gesellschaft werden. Dabei drängte sich die soziale Frage immer wieder in den Vordergrund. Der "Personale Sozialismus", für den Alfred Delp plädierte, wurde nicht von allen, aber doch von vielen Kreisauern vertreten. Was darunter zu verstehen war, lässt sich kurz so zusammenfassen: Delp war überzeugt: Wenn der Mensch kein Dach über dem Kopf und nichts zu essen hat, dann darf man ihm nicht mit frommen Sprüchen kommen. Die soziale Gerechtigkeit war für ihn das Fundament einer Gesellschaft.

nach oben

 

6. Ende des Kreisauer Kreises

Moltke wurde bereits im Januar 1944 verhaftet, obwohl die Gestapo zu diesem Zeitpunkt noch nichts von der Kreisauer Tätigkeit ahnte. Er hatte einen Bekannten gewarnt, dass sein Telefon abgehört werde. Die Arbeit des Kreises fand durch Moltkes Verhaftung ein jähes Ende Einige der Kreisauer schlossen sich Claus Schenk von Stauffenberg an, um das Attentat auf Hitler vorzubereiten. Peter Yorck, der Vetter Stauffenbergs, wurde nach dem missglückten Attentat verhaftet und hingerichtet. Bei Delp tauchte die Gestapo nach dem 20. Juli in Bogenhausen auf und verhaftete ihn nach einem Gottesdienst. Auf Umwegen gelangte er ins Gestapogefängnis in Berlin. Für ihn war dieser letzte Lebensabschnitt ein wahrer Kreuzweg. Im Gegensatz zu Moltke wurde der verhasste Jesuit gefoltert. Die Kassiber, die er aus dem Gefängnis schmuggelte, sprechen eine deutliche Sprache. Vor dem Volksgerichtshof treffen sich Moltke und Delp zum letzten Mal.

nach oben

 

7. Zivilcourage heute - wo und warum ist Zivilcourage so wichtig?

"Je mehr Bürger mit Zivilcourage ein Land hat, desto weniger Helden wird es einmal brauchen", sagte die italienische Journalistin Franca Magnani. Sie war die erste Auslandskorrespondentin des deutschen Fernsehens und hat selbst ein bewunderungswürdiges Beispiel für Zivilcourage gegeben, als sie sich in den achtziger Jahren weigerte, ihre Fernsehkommentare nach dem Wohlgefallen der Rundfunkmächtigen in München auszurichten, woraufhin sie Bildschirmverbot für ihre Beiträge erhielt.

Zivilcourage ist wichtig für eine Gesellschaft, weil:

Es gibt mutmachende und beeindruckende Beispiele, wie Zivilcourage heute aussehen kann: Dazu gehört in jüngster Zeit der Miltenberger Stadtpfarrer Ulrich Boom, der einen Aufmarsch Rechtsradikaler störte, indem er 20 Minuten lang die Kirchenglocken läuten ließ, bis die Versammlung abgebrochen wurde.

Zivilcourage ruft den einzelnen Menschen als Bürgerin und Bürger in die Verantwortung. Gerechte und menschenwürdige Verhältnisse müssen immer wieder neu erkämpft und gefestigt werden. Oft wird uns ja nachträglich klar, dass nicht «man» etwas hätte tun sollen, sondern dass wir selber, ich persönlich, gefordert gewesen war bzw. immer noch bin. Zivilcourage heißt, dass ich mich nicht hinter etwas oder hinter jemandem verstecke, sondern dass ich selber auftrete.

Zivilcourage gehört zur Würze der Demokratie. Insbesondere hinterfragt zivilcouragiertes Handeln die gängigen Autoritäten. Zivilcourage liegt idealerweise in der Mitte zwischen zwei Extremen: zwischen gleichgültiger oder angstbeladener Autoritätsgläubigkeit und anarchistischem Revoluzzertum. Auch eine allzu einseitige Loyalität gegenüber der Demokratie, in der Mehrheitsentscheide kritiklos akzeptiert werden, ist mit Vorsicht zu genießen. Dabei sind Menschen immer der Versuchung ausgesetzt, Werte und Ziele absolut zu setzen und dann auch übers Knie brechen zu wollen. Diese Alles-oder-Nichts-Haltung steht der Zivilcourage entgegen. Sie weiß um die Beschränktheit menschlichen Verhaltens; weiß aber auch, dass Passivität, Gleichgültigkeit und Nichts-Tun gefährlich werden können. Die Entscheidung, wann und wie mutig aufzutreten ist, hängt von der Klugheit, der Erfahrung und auch von der Situation ab.

Entscheidend aber ist, dass Menschen ermutigt und bestärkt werden, selber zu denken! Menschen, die lernen, sich selber ein Urteil zu bilden, bringen die Fähigkeit mit, die Welt und auch die eigene Situation nüchtern anzuschauen, über sich selber und vor allem die eigenen Wertvorstellungen nachzudenken. So war es bei Delp, so war es bei Moltke.

Wer allerdings Zivilcourage nur als Widerstand gegen Rechtsradikale versteht, übersieht viele andere Bereiche in unserer Gesellschaft, in denen mutiges Handeln ebenfalls nötig wäre. Täglich zeigen Menschen Mut, ohne dass sie dafür öffentliche Anerkennung finden, zum Beispiel durch couragiertes Verhalten in der Arbeitswelt, aber auch in der Politik, an Stammtischen und Freundeskreisen. Und dabei erleben manche, dass Zivilcourage auch einsam machen kann.

nach oben

 

8. Zivilcourage macht einsam

Weder das Handeln des Finanzbeamten, der den Flick-Spendenskandal aufdeckte, noch die Tat des Beamten der Europäischen Union van Buitenen, der die in Brüssel verbreitete Korruption ans Licht brachte, gelten als vorbildlich. Ihr Handeln wird bis heute als Loyalitätsbruch gewertet, der Versetzung oder Entlassung nach sich zieht. Im englischsprachigen Raum nennt man diese Zeitgenossen whistleblower. Es sind Menschen, die Alarm schlagen und die Öffentlichkeit als Angestellter einer Behörde oder eines Unternehmens auf den Missbrauch öffentlicher Gelder oder eine schädliche Produktion hinweisen. In Großbritannien und einigen Bundesstaaten der USA gibt es eine Gesetzgebung, die diese couragierten Bürger schützt und somit ihr Tun ermutigt.

Gäbe es solche Gesetze auch in Deutschland, hätte ein Angestellter der Commerzbank nicht seinen Job verloren. Nach Einführung der Zinsabschlagsteuer war ihm aufgefallen, dass plötzlich anonyme Kundenkonten auftauchten, über die Millionenbeträge nach Luxemburg transferiert wurden. Er erstattete Anzeige und brachte eine Lawine ins Rollen: 200 Steuerfahnder fielen ins Commerzbank-Hochhaus ein und durchsuchten sogar die Vorstandsbüros. Die Ermittlungen bezogen sich auf Steuerhinterziehung in 40 000 Fällen. Als der Angestellte die Sache dann noch publik machte, durfte er seinen Arbeitsplatz nicht mehr betreten.

Im Deutschen gibt es kein Wort für Whistleblower. Als Nestbeschmutzer und Verräter werden sie hierzulande beschimpft. Wir Deutschen neigen dazu, alles zu tun, was von oben angeordnet wird, egal ob es richtig ist oder nicht. Diese Tatsache brachte Moltke auf den Gedanken, dass man den obrigkeitsgehorsamen Deutschen in so genannten "kleinen Gemeinschaften" demokratisches Denken und Handeln erst einmal langsam beibringen müsse.

Während sich in den USA Psychotherapeuten bereits auf die Whistleblower spezialisiert haben und sogar im Internet ihre Dienste anbieten, sind die deutschen "Nestbeschmutzer" meist auf sich allein gestellt. Für manche fängt dann ein komplett neues Leben an. Job weg, Kollegen weg, Freunde weg.

Zivilcourage gelingt, wenn ich mich frage:

Die Beantwortung solcher Fragen erlaubt, kritisch Machtverhältnisse, Autoritäten und Angstmacher zu hinterfragen. Damit wird eine wichtige Voraussetzung geschaffen, dagegen anzugehen und Rückgrat zu zeigen und – hoffentlich – eine Entwicklung zur Verbesserung der Situation einzuleiten.

nach oben

 

 

*Der Vortrag bezieht sich auf das Buch "Gemeinsam gegen Hitler. Pater Alfred Delp und Helmuth James Graf von Moltke" von Elke Endraß, Verlag Kreuz, Stuttgart, 2007

nach oben