Kreisau / Krzyżowa

 

Kreisau in Niederschlesien
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Jugendbegegnungen
Gedenkstätte für Widerstand und Opposition
Europäische Akademie

 

Gedenkstätte für Widerstand und Opposition

  • Die historischen Voraussetzungen
  • Unsere Zielgruppen
  • Unsere Arbeitsweise
  • Das Berghaus
  • Die Dauerausstellung
  • Der Kapellenberg

Die Stiftung Kreisau für europäische Verständigung ist ein Ergebnis des politischen Umbruchs von 1989 und des langjährigen Versöhnungsdialoges zwischen Polen und Deutschen. Vor diesem Hintergrund gehören für uns die verschiedenen nationalen Formen von Widerstand und Opposition gegen die Diktaturen des 20. Jahrhunderts zu den Grundlagen des modernen demokratischen Europa. Wir setzen uns dafür ein, daß dies künftig stärker als bisher als eine gemeinsame verbindende Tradition anerkannt wird.

Krzyzowa, das früher Kreisau hieß, ist ein Ort, an dem eine der Gruppen des deutschen Widerstands gegen den Nationalsozialismus tätig war. Dieser Ort liegt in Schlesien, das als Folge des Zweiten Weltkrieges heute Teil des polnischen Staates ist und früher deutsch war. Wir halten daher den Ort Krzyzowa für besonderes geeignet, zwischen verschiedenen Kulturen zu vermitteln.


Freya von Moltke, Rosemarie Reichwein und Clarita von Trott bei der Eröffnung Kreisaus, Juni 1989

Ausgangspunkt für unsere Gedenkstättenarbeit in Krzyzowa sind der Widerstand des Kreisauer Kreises gegen die Nationalsozialisten in Deutschland und die Oppositionsbewegungen gegen den Kommunismus in Polen und anderen europäischen Ländern. Auch die Beziehungen zwischen der demokratischen Opposition in Polen und der DDR sowie die polnische Untergrundtätigkeit während des Zweiten Weltkrieges werden berücksichtigt. Wir sind uns jedoch bewußt, daß wir mit der Integration unterschiedlich gewachsener Kulturen in einer gemeinsamen Gedenkstätte methodisches Neuland betreten.


Freya von Moltke, Juni 1998

Die Gedenkstätte Krzyzowa-Berghaus - derzeit noch im Aufbau begriffen - ist ein zentrales Projekt der Stiftung. Sie arbeitet eng mit der Internationalen Jugendbegegnungsstätte und der Europa-Akademie zusammen.

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Die historischen Voraussetzungen

Mit der Errichtung und dem Betrieb einer Gedenkstätte in Krzyzowa haben wir uns die Aufgabe gestellt, den Widerstand gegen den Nationalsozialismus und die Opposition gegen den Kommunismus in Mittel- und Osteuropa als zwei Manifestationen einer europäischen Widerstandstradition aufeinander zu beziehen und die bleibende Bedeutung dieser Tradition für die politische und gesellschaftliche Zukunftsgestaltung herauszuarbeiten.

Dieses Grundverständnis entspringt jedoch nicht irgendeiner vorausgesetzten geschichtsphilosophischen Konstruktion wie z.B. der Totalitarismustheorie, sondern ist für unser Projekt selbst bereits ein zeitgeschichtliches Faktum. 1988 fanden Oppositionelle aus Polen und der DDR im Kreisauer Kreis einen Punkt, auf den sie sich gemeinsam beziehen konnten. Dabei waren die Beweggründe im einzelnen unterschiedlich. Für Polen stand die Beschäftigung mit Kreisau im Zusammenhang mit der Entdeckung und Aneignung der lange verschwiegenen deutschen Vergangenheit Schlesiens und der anderen ehemaligen deutschen Gebiete. Im Kreisauer Denken entdeckte man darüber hinaus Parallelen zum "Ethos der Solidarität". In der DDR war die oppositionelle Anknüpfung an den Widerstand ein Angriff auf den Ursprungsmythos der DDR als Erbe des "besseren Deutschland". Eine wesentliche Bedeutung für beide Oppositionsbewegungen hatten darüber hinaus sowohl die christlichen Wurzeln der Ideen als auch der Geist der ökumenischen Zusammenarbeit des Kreisauer Kreises. Polen und Deutschen war gemeinsam, daß sie im Denken und Handeln der Kreisauer eine Spiegelung ihres eigenen Strebens sahen, die Zukunftsgestaltung in ihre eigenen Hände zu nehmen. Schließlich bot damals die Beschäftigung mit dem Kreisauer Kreis beiden Seiten die Möglichkeit, gemeinsam Beziehungen zu ähnlich denkenden Westeuropäern herzustellen.

Mit der Anknüpfung an den deutschen Widerstand war es möglich, noch vor dem Umsturz des Jahres 1989 eine West- und Mitteleuropäer umfassende Initiative zu gründen, die es sich zur Aufgabe machte, gemeinsam Antworten auf den sich abzeichnenden Zusammenbruch des Kommunismus zu suchen. Sie stellte damals jenen Referenzpunkt dar, auf den wir uns beziehen konnten, als es darum ging, die unterschiedlichen Interessen zu integrieren und gemeinsame Ziele zu formulieren.

Die Auseinandersetzung mit dem Kreisauer Kreis in der Umbruchszeit seit 1989 gab erstens einen Maßstab für die Aufgaben ab, die die Reformgesellschaften zu bewältigen haben würden. Der offene Charakter des Kreisauer Kreises bot zweitens ein Vorbild für ein integratives, verschiedene gesellschaftliche und politische Optionen berücksichtigendes Vorgehen. Die europäische Ausrichtung verhinderte drittens eine mentale Renationalisierung. Die pädagogische Orientierung des Kreisauer Programms war viertens ein Hinweis auf die Bedeutung der politischen Erwachsenen- und Jugendbildung für den dauerhaften Erfolg gesellschaftlicher Umgestaltungen.

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Unsere Zielgruppen

Die Gedenkstätte Krzyzowa-Berghaus wendet sich mit ihrer interkulturellen historisch-politischen Bildungsarbeit an verschiedene Nutzer und Interessenten. Unsere Informations- und Arbeitsangebote richten sich z.B. an die Gruppen und Gäste der Internationalen Jugendbegegnungsstätte und der Europa-Akademie sowie an Tagesbesucher. Außerdem kooperieren wir gezielt mit Institutionen im In- und Ausland, wobei die Multiplikatoren der historisch-politischen Bildungsarbeit im schulischen ebenso wie im außerschulischen Bereich für uns eine besonders wichtige Zielgruppe darstellen. Unsere Arbeitsweise Die Gedenkstätte Krzyzowa-Berghaus lädt ihre Besucher zu einem entdeckenden, kritischen, reflektierenden und gestalterischen Umgang mit Geschichte ein. Wir wollen vermitteln, daß Geschichte nicht nur Vergangenheit ist, sondern in den Entscheidungen der lebenden Generationen fortwirkt. Unserer Ansicht nach stehen Menschen jeder Generation vor der Aufgabe, gesellschaftliche Umbrüche zu meistern. Personen, die früher Widerstand geleistet haben, waren keine Helden, sondern Menschen, die damals genau so angesprochen waren, wie wir es heute und in Zukunft sind.

Die Gedenkstätte Krzyzowa-Berghaus ermöglicht es, sich in Gruppen oder individuell mit den Biographien und Ideen dieser Menschen auseinanderzusetzen, die Geschichte betroffener Länder aus verschiedenen nationalen Perspektiven kennenzulernen und sich historische Erfahrungen anderer Kulturen zu eigen zu machen. Zu diesem Zweck sammeln wir entsprechende Materialien, bereitet diese auf und führen mit ihrer Hilfe Veranstaltungen zu historischen sowie aktuellen Themen durch. Darüber hinaus betreuen wir aber auch Projekte Dritter wie z.B. Studienaufenthalte oder Praktika. Der Arbeit mit den neuen Medien und der Vermittlung von Methodenkompetenz messen wir bei unserer Tätigkeit einen besonderen Stellenwert zu.

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Das Berghaus

Als Treffpunkt des Kreisauer Kreises ist das Berghaus ein symbolischer Ort des Gedenkens und der unmittelbaren Erinnerung. Es ist den Persönlichkeiten des Kreises und ihren Leistungen gewidmet. Es steht für die geistige Auseinandersetzung mit der nationalsozialistischen Diktatur und die Planungen für ein friedliches Europa nach Hitler. Zeitzeugen und Überlebende betonen einhellig den besonderen Charakter eines engen und vertrauten Freundeskreises.


Eröffnung des Gedenkraums im ehemaligen Eßzimmer der Familie Moltke im Berghaus, Juni 1998

 

Das Berghaus ist kein Ort des Leidens und des Martyriums. Dennoch ist zu berücksichtigen, daß acht Mitglieder des Kreises für ihr Wirken von den Nationalsozialisten zum Tode verurteilt und hingerichtet wurden. Als einziger Ort des speziellen Gedenkens an den Kreisauer Kreis wurde ein Raum im Berghaus in würdiger Form gestaltet. Das ehemalige Eßzimmer der Familie Moltke, in dem während der Tagungen des Kreisauer Kreises nicht eingeweihter Dritter über politische Fragen nicht gesprochen werden konnte, verdeutlicht besonders eindringlich die Bedingungen des Widerstandes im Alltag.


Berghaus Kreisau, Aufnahme aus den dreißiger oder frühen vierziger Jahren.

Nach einem Entwurf des Künstlerpaares Tomasz Tomaszewski und Beata Gryt-Tomaszewska (Wroclaw) erhielt das Zimmer 1998 eine freundliche und anregende Gestaltung. Zentrale Elemente sind die Spuren des "Kreises" im Fußboden, ein runder Tisch aus vier Segmenten, ein gläsernes "Bogenkreuz" in den Fenstern sowie ein Zitat von Adam von Trott zu Solz in polnischer und deutscher Sprache. Am Berghaus weist außen eine Tafel in polnischer, deutscher und englischer Sprache auf den historischen Ort hin.


Berghaus Kreisau, Februar 1997, Aufnahme kurz vor dem Abschluß der Renovierung

In Anknüpfung an das geistige Programm und die dialogische Arbeitsweise des Kreisauer Kreises wird der Gedenkraum als Seminarraum für Gruppen bis zu 15 Personen genutzt. Außerhalb dieser Nutzung steht er als Raum der Stille, des persönlichen Gedenkens und der Würdigung an besonderen Gedenktagen allen Besuchern offen. Ein anderer Teil des Berghauses steht als Wohnraum zur Verfügung, der von den verschiedenen Stiftungsprojekten befristet genutzt werden kann.


Helmuth James von Moltke auf der Veranda des Berghauses

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Die Dauerausstellung

Ein weiterer Kern der Gedenkstätte Krzyzowa-Berghaus ist die Dauerausstellung "In der Wahrheit leben. Aus der Geschichte von Widerstand und Opposition gegen die Diktaturen des 20. Jahrhunderts" von Katarzyna Madon-Mitzner (Warszawa) und Ludwig Mehlhorn (Berlin), die im Juni 1998 eröffnet wurde. Diese Ausstellung arbeitet zweisprachig und exemplarisch. Sie präsentiert entsprechend den historischen Voraussetzungen unserer Gedenkstättenarbeit die Ideen und das Wirken des Kreisauer Kreises und dessen Verbindung zu anderen Widerstandsgruppen gegen den Nationalsozialismus sowie ausgewählte Beispiele gesellschaftlicher und politischer Gruppen und Bewegungen in den Ländern des sowjetischen Blocks, die sich gegen den Kommunismus richteten.


Tatiana Wielikanowa, Sergej Kowaljow (ehemalige Mitglieder der Moskauer Helsinki-Gruppe) und Nijole Sadunaite (Mitarbeiterin an der im Untergrund erschienenen "Chronik der Katholischen Kirche Litauens") bei der Eröffnung der Dauerausstellung, Juni 1998.

Die Darstellung konzentriert sich dabei auf Menschen, die sich in diesem Kampf einsetzten - ihre moralischen Haltungen und politischen Überzeugungen, ihre Dilemmata und ihre Entscheidungen in Bewährungssituationen. Einer der beiden repäsentativen Ausstellungsräume von je 45 qm im Schloß ist dem Kreisauer Kreis gewidmet, der andere der Opposition gegen den Kommunismus in den europäischen Ländern des sowjetischen Blocks, wobei beide Teile der Ausstellung nach den gleichen formalen Kriterien konzipiert sind - jeweils unterteilt in die drei Blöcke Personen, Gruppen und Oppositionelles Handeln. Auf diese Weise hat der Besucher die Möglichkeit, beide Systeme sowie das Denken und Handeln der Opposition und der dahinter stehenden individuellen Haltungen in ihren Gemeinsamkeiten und Unterschieden zu erkennen. Darüber hinaus ermöglicht es diese Methode, nicht nur die intellektuellen und politischen Leistungen des Widerstands zu würdigen, sondern auch den Prozeß des Eintretens in eine oppositionelle Aktivität darzustellen - von der individuellen Ablehnung des Systems in geistiger und praktischer Hinsicht über die Schaffung oppositioneller Milieus und Gruppen, das konkrete politische Handeln gegen das System und das Überschreiten nationaler Grenzen bis hin zum programmatischen Nachdenken über die Zukunft.


Blick in die Dauerausstellung im Schloß

Um die Ausstellung besonders auch für Jugendliche zugänglich und interessant zumachen, sind in einem dritten Ausstellungsraum drei Computer untergebracht, die neben der eigentlichen Ausstellung zusätzliche Möglichkeiten bieten, dargestellte Sachverhalte mittels EDV-gestützter und audiovisueller Methoden zu vertiefen und zu erweitern. Dazu wird in Computern gespeichertes Material in didaktisch aufbereiteter Form über Bildschirme bereitgestellt. Diese Materialeinheiten sind über ein Inhaltsverzeichnis in ihrem Charakter (Quellentext, Informationstext, Foto, Dokument, Filmsequenz, Tonaufnahme, Bibliographie) erkennbar und können individuell aufgerufen werden. Der Gesamtumfang dieses Materials beläuft sich auf ca. 200 Minuten zeitgeschichtliche Filmdokumente, 1000 Fotos und andere Bilddokumente sowie 300-400 Seiten Text je Sprache (Quellentexte sowie Informationstexte zu enzyklopädischen Stichworten, Kurzbiografien und Kalendarien.) Mit Hilfe von grafischen Symbolen für die Art des Materials, den geographischen und zeitlichen Indizes sowie der Suchfunktion läßt sich das Material leicht ordnen.

Außer diesem umfangreichen Zusatzinformationen stehen auf den Computern multimediale Präsentationen zu ausgewählten Themen der Ausstellung zur Verfügung. Dabei wird ein narrativ gehaltener Text mit entsprechenden Bildinhalten präsentiert. An geeigneten Stellen kann der Nutzer die Präsentation unterbrechen und spezielle Zusatzinformationen abrufen. Diese Form des Einstiegs durch eine "Geschichte" soll Interesse wecken und den Nutzer animieren, mit Hilfe der zum Thema gehörenden Informationen auf der Archivebene des Programms weiter in den Stoff einzudringen. Das Computerprogramm wird weiter ausgebaut.

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Der Kapellenberg

Zu dem Gelände der Stiftung Kreisau für europäische Verständigung in Krzyzowa gehört auch der Kapellenberg. Auf ihm befinden sich die Grabkapelle Helmuth von Moltkes und seiner Frau, der Familienfriedhof der Familie Moltke sowie Gräber unklarer Zuordnung, in denen möglicherweise russischen Kriegsgefangene aus der Zeit des Zweiten Weltkrieges beigesetzt wurden. Unmittelbar angrenzend liegt der 1946 aufgelassene deutsche Dorffriedhof. Das Gelände hat für unsere Stiftung eine historische und moralische Bedeutung. Durch die Verschiedenartigkeit der Begräbnisplätze kommt hier die komplizierte schlesische Vergangenheit in besonderer Weise zum Ausdruck. Darüber hinaus haben alle hier beerdigten Menschen ungeachtet ihrer Nationalität oder sozialen Herkunft das Recht auf Wahrung und Würdigung der Totenruhe. Der Kapellenberg fordert aber auch zur Auseinandersetzung mit der Person des Feldmarschalls auf.

Aus diesen Gründen wir der Kapellenberg von der Gedenkstätte betreut wird. In diesem Rahmen hat die Stiftung bereits 1993 mit der Altkönigschule (Kronberg) einen Vertrag über die Pflege und Gestaltung des Kapellenberges abgeschlossen. Die Arbeit auf diesem Gelände ist ein wichtiger Bestandteil der jährlich unter Leitung der Altkönigschule stattfindenden internationalen Jugendbegegnungen.

Der Kapellenberg umfaßt eine Fläche von 4,61 ha, ist größtenteils baumbestanden und ist öffentlich zugänglich. Er wird naturnah belassen und entsprechend gepflegt. Die Gräber wurden teilweise wiederhergestellt bzw. in ihrem jetzigen Erhaltungszustand behutsam konserviert. Aufgefundene sterbliche Überreste wurden in würdiger Form bestattet. Hinweistafeln informieren die Besucher in polnischer, deutscher und englischer Sprache über die Geschichte des Geländes und die historischen Verweise. Sofern der Friedhofscharakter dadurch nicht beeinträchtigt wird, können hier auch Gruppen und Einzelne geistig oder künstlerisch arbeiten, historische, biologische, geographisch sowie ökologische Exkursionen und Projekte durchführen.

Neben dem Kapellenberg bezieht die Gedenkstätte Krzyzowa-Berghaus aber auch bewußt andere historische Stätten der näheren Umgebung wie z.B. die Lager der NS-Zeit in ihre pädagogische Arbeit ein.

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