20 Jahre Kreisau für ein neues Europa

Tagung von 5. bis 7. Juni 2009 in Krzyżowa/Kreisau.


Bericht von der Tagung auf den Internetseiten der Stiftung Kreisau:

Obwohl an der Konferenz am Freitag nur angemeldete Gäste teilnehmen konnten, versammelten sich über 300 Menschen. Die Veranstaltung wurde vom Vorstand der Stiftung, dem Vorsitzenden des Stiftungsrates Walter Heist und von Prof. Władysław Narkiewicz, als Vertreter des Breslauer Klubs der Katholischen Intelligenz, eine der Stifter des heutigen Kreisaus, eröffnet. Die Begrüßungsworte, voll von Anekdoten und Herzlichkeit waren eine perfekte Einführung für den folgenden Eröffnungsvortrag, der von einem Menschen gehalten wurde, der sich selbst als "Brückenbauer" bezeichnet: Krzysztof Czyżewski, den Leiter der Stiftung Pogranicze aus Sejny. Er lud mit seinem Vortrag die Gäste zu Erwägungen über Grenzgebiete ein, sprach vom Geist, der Orten inne wohnt, von grenzüberschreitender Verständigung, trotz unterschiedlicher Kulturen und Traditionen und von der Rolle Europas beim Zusammenschweißen von Menschen und dem Einüben neuer Werte, die die Bereitschaft zum Dialog und gegenseitige Wertschätzung zum Fundament haben. Der politische Kontext zu diesen überlegungen wurde anschließend bei einer Podiumsdiskussion ergänzt, während derer sich Marek Krzıkał, Abgeordneter des Sejm, Markus Meckel MdB und Prof. Gesine Schwan, Beauftragte der deutschen Regierung für die deutsch-polnischen Beziehungen austauschten. Die Debatte wurde von Dr. Klaus Bachmann moderiert, der sich sowohl als Wissenschaftler als auch als Publizist mit deutsch-polnischen Themen beschäftigt. Die Diskussion, in deren Verlauf alle Teilnehmer ihre Perspektive für ein Europa zwanzig Jahre nach der Transformation vorstellten, war Dank der Unterschiedlichkeit der präsentierten Einschätzungen ungewöhnlich spannend.

Die Stiftung Kreisau hat das Glück, dass sie – obwohl sie schon viel erreicht und ermöglicht hat – immer noch eine so junge Organisation ist, dass es möglich ist, sich mit den Gründungsvätern und -müttern an die Zeiten zurückzuerinnern, als diese im damals noch kommunistischen Polen davon träumten, eine nicht näher präzisierte Institution zu schaffen, die sich der Völkerverständigung widmen sollte. Während der Konferenz führten Isabelle Loewe und Piotr Janikowski ein Gespräch mit der langjährigen Direktorin der Stiftung Ewa Unger. Frau Unger ließ vor den inneren Augen der in ihr Erzählen eintauchenden Zuhörerschaft vieles aus der Anfangszeit der Stiftung Kreisau lebendig werden. Vor 20 Jahren, das unterstrich sie, wußte niemand, was für eine Institution er da aufbaute, wie sie sich entwickeln, aussehen und funktionieren würde, ja ob sie überhaupt funktionieren würde. Was in Kreisau vorgefunden wurde, die Schlossanlage, in einen landwirtschaftlichen Staatsbetrieb verwandelt, in Teilen verfallen, ließ keine optimistische Stimmung aufkommen. Diesem Gespräch war ein Vortrag von Dr. Rudolf Urban über Günter Särchen, einem ausgezeichneten Pädagogen und Akteur der deutsch-polnischen Verständigung und Teilnehmer der ersten, für die Gründung der Stiftung Kreisau so wichtigen Begegnungen, voran gegangen.

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Höhepunkt des Abends war die überreichung des von der Stiftung Kreisau verliehenen Preises "Von Kreisau nach Krzyżowa – Preis für nachhaltige Zusammenarbeit und Verständigung in Europa". Zum ersten Mal hatte sich die Stiftung Kreisau entschieden, durch die öffentliche Auszeichnung von Personen, die Aufmerksamkeit auf ein solches Engagement und solchen Einsatz zu lenken, der den Ideen Kreisaus entspricht. Dabei kam es der Stiftung insbesondere darauf an, Personen auszuzeichnen, die von der Basis her, an einer Bürgergesellschaft in Mitteleuropa mitbauen, Personen, die die Bedürfnisse dieser Region wahrnehmen und es verstehen, darauf einzugehen. Als eine solche Person sehen wir Darius Polok, über den ein Freund schrieb: "Westeuropäer und Osteuropäer, emotional und rational, spontan und abwägend, die Bedürfnisse und das Potential des dritten Sektors perfekt repräsentierend."

Ein wichtiger Bereich in der Arbeit der Stiftung ist der Schulaustausch, naheliegend daher der Gedanke, eine Schulpartnerschaft auszuzeichnen – eine ausdauernde, kreative, dem Gedanken verpflichtete, Jugendlichen aus unterschiedlichen Ländern ein gegenseitiges Kennenlernen zu ermöglichen. Ausgezeichnet wurde die Partnerschaft zwischen drei Schulen: Der Altkönigschule Kronberg, der Deutschen Schule Las Palmas de Gran Canaria und dem Gymnazium in Pszenno. Eine Stipendiatin der Stiftung, Anna Emilianova aus Belarus, hatte speziell für die Preisträger Grafiken angefertigt, die an Kreisau und die "guten Geister" Kreisaus erinnern sollen. Den musikalischen Rahmen dieses Ereignisses gestaltete das Streichquartett des Orchesters Junges Klangforum Mitte Europa, eine langjähriger Partner der Stiftung.

Der Samstag war außerordentlich vielgestaltig, gedacht für offene Gespräche, gemeinsame Erinnerungen und gemeinsames Reflektieren von Erfahrungen und Perspektiven. Ein Moment der Reflektion war natürlich auch der ökumenische Gottesdienst, der in der frisch renovierten St. Michaelskirche mit Pfarrer Fuksa und Pastorin Hanna Manser gefeiert wurde.

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Die Jubiläumsüberraschung von Seiten der Gemeinde Schweidnitz war die Verleihung eines Namens an die alte/neue Straße (alte, da sie bereits vor dem Zweiten Weltkrieg existiert hatte), die Kreisau mit der Landstraße nach Schweidnitz verbindet. Diese Straße heißt nun, wie vor Zeiten bereits, Kirschallee. Im Namen der Stiftung und aller Gäste danken wir ganz herzlich für dieses schöne und liebevoll ausgewählte Geschenk.

Bevor das "Lower Silesia Art Festival" seinen Lauf nahm, gab es für alle an der Geschichte und der Arbeit der Stiftung Interessierten das Angebot, an verschiedenen Workshops teilzunehmen. Die ehemalige Pädagogin der Internationalen Jugendbegegnungsstätte Renata Bardzik-Miłosz hatte zusammen mit Sabine Schmalzried-Ptak einen Workshop vorbereitet, der sich den verschiedenen Konzepten zur Arbeit mit Jugendlichen und deren Umsetzung widmete. Agnieszka von Zanthier, die die Geschäfte der Freya von Moltke Stiftung für das neue Kreisau führt, stellte das Netzwerk rund um Kreisau vor. Oliver Engelhardt, ehemals Freiwilliger in Kreisau, leitete die Diskussion über die Freiwilligendienste und ihre Entwicklung in den letzten 20 Jahren. Im Berghaus inspirierte Mark Huessy Gespräche über die Rolle von Gedenkstätten und insbesondere über die Frage, ob es in erster Linie nationale Orte sind oder ob sie auch darüber hinaus "funktionieren". Für Teilnehmer, die sich an diesem Vormittag zu kreativem Tun hingezogen fühlten gab es einen Tanz Workshop, angeleitet von Jakub łukowski und einen Workshop Slam-Poetry, geleitet von Jan Kirchhoff. Für jüngere Teilnehmer gab es darüber hinaus noch eine von Anna Malinowski vorbereitete Einheit zu "Distanz und Nähe", dem gegenseiteigen Kennenlernen in internationalen Gruppen. Schließlich gab es auch noch die Möglichkeit, sich von Jacek Koralewski und Jürgen Telschow und damit von zwei Männern, die von Beginn an in die Kreisauer Bauarbeiten involviert waren, über die Anlage führen zu lassen.

Nachmittags, es hatte begonnen zu regnen, begann dann das Familienfest. Angesichts des Regens waren die geräumigen, eleganten und überaus praktischen Lapplandzelte, die unsere Partner vom Melchiorsgrund mitgebracht hatten, unsere Rettung. Und unter den Zelten entstand ein echtes Kinderparadies: Gesichter wurden geschminkt, Eiflugmaschinen gebaut, auf Dosen geworfen und gekegelt und Ballons für den Start in den Himmel vorbereitet. In einer Ecke hatte die Redaktion der Festzeitung ihre Ausrüstung aufgebaut und versorgte die Zeitungshungrigen, von denen es viele gab - denn es war eine ganz besondere und per Foto individualisierte Jubiläumszeitung. Auf der überdachten Bühne reihte sich ein Auftritt an den nächsten, Schüler der Grundschule aus Gräditz, junge talentierte Sängerinnen und Sänger, eine Bühne voller Kinder, die sich vom Memoria-Freiwilligen Leon das Macarenatanzen beibringen ließen. Der nächste Auftritt brachte eine Tanzperformance der Warschauer Gruppe Exceed auf die Bühne, die Theatergruppe vom Melchiorsgrund, mit Schauspielern und Musikern aus Deutschland, Bosnien, dem Kosovo und Georgien, präsentierte Fragmente des Stückes "Die gute Zeit" von Ernst Barlach, Esporao aus Breslau begeisterte mit einem Capoeira Auftritt und als es schon langsam dunkel wurde heizte die Band "Zakaz Wjazdu" den Besuchern ein!

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Ein weitere Attraktion des Nachmittags waren die Führungen durch den "Generalfeldmarschall" (Dominik Kretschmann) durch das Kreisau vor 150 Jahren und mit Monikı Szurlej, durch das Kreisau vor 20 Jahren. Für die, die für einen Moment dem Treiben entfliehen wollten hatten wir kleine Touren durch die Umgebung vorbereitet: Je nach Geschmack entweder mit einem "Warszawa" Oldtimer oder mit einer Kutsche. Und in der Stille des Schlosses wurden Filme gezeigt, die thematisch mit Kreisau verknüpft sind während man im Speicher, im "Cafe Historia", über die persönlichen Erfahrungen aus dem Jahr 1989 ins Gespräch kommen konnte.

Aufgrund des Wetters musste der für den späteren Abend geplante Teil des Programms, mit von Kerzen illuminierten Konzerten rund um das Lagerfeuer, unter dem gemütlichen Dach der Scheune stattfinden. Doch dies tat der Atmosphäre keinen Abbruch! Alle wurden in die lateinamerikanischen Rhytmen des Chris & Jarema Duos hineingezogen. Für das so entstehende Klima waren Krzysztof Pełech und Jarema Klich mit ihren klassischen Gitarren verantwortlich und die gute Stimmung hielt sich nahtlos bei Beginn des nächsten Konzertes, dargeboten vom georgischen Jazzquartett Nato Metanidze: Paata Andriadze (Flügel), Nodar Ekvtimishvil (Kontrabass) und Georgi Salagishvili (Schlagzeug) zusammen mit der bekanntesten Sängerin Georgiens, Nato Metanidze. Damit endeten die Konzerte aber all die, deren Durst nach Musik noch nicht gestillt war, konnten sich bis in die Morgendämmerung im Keller des Schlosses noch schnelleren Rhytmen hingeben...

Der Sonntag morgen bot dann Gelegenheit, sich ganz aktuell über die Stiftung Kreisau zu informieren. Außerdem wurde auch ein Film von Hellmut Schlingensiepen gezeigt, ein Film mit Freya von Moltke in der Hauptrolle, berührend aber stellenweise auch sehr erheiternd.

Danach war es Zeit Abschied zu nehmen aber es waren keine melancholischen Abschiede, denn natürlich werden wir uns bald wieder begegnen – in Kreisau!

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